Aston Martin DB11
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DB11

Aston Martin DB11: Das zweite Jahrhundert

Über ein Jahrzehnt lang diente der Aston Martin DB9 als elegantes, natürlich gesaugtes Rückgrat der britischen Marke. Er wurde allgemein für seine Schönheit gelobt, aber im Laufe der Jahre kämpfte seine zugrundeliegende VH (Vertikal/Horizontal)-Fahrwerksarchitektur und veraltete Technologie darum, mit modernen Rivalen von Bentley und Ferrari mithalten zu können.

Aston Martin brauchte eine Revolution. Im Jahr 2016 enthüllten sie das erste Produkt ihres ehrgeizigen „Second Century Plan”: den Aston Martin DB11.

Der DB11 war kein Facelift oder eine dezente Evolution. Es war ein völlig neues Design. Er debütierte mit einem komplett neuen geklebten Aluminiumchassis, einem brandneuen, intern entwickelten Biturbo-V12-Motor und einer vollständig überarbeiteten Elektronikarchitektur von ihrem neuen Partner Mercedes-Benz. Es war das wichtigste Auto, das Aston Martin seit dem DB9 auf den Markt gebracht hatte, und es definierte erfolgreich neu, was ein moderner britischer Grand Tourer sein sollte.

Historischer Kontext: Der Second Century Plan

Bis 2012 befand sich Aston Martin in einer prekären Lage. Die globale Finanzkrise hatte den Luxusautomarkt beschädigt, und die Produktpalette des Unternehmens – alles wunderschön, alles auf Varianten derselben alternden VH-Plattform aufgebaut – bedurfte einer grundlegenden Erneuerung. Eine neue Strategie war erforderlich, und sie kam in Form des „Second Century Plan”.

Diese ehrgeizige Initiative sah eine völlig neue geklebte Aluminiumarchitektur, neue interne Antriebsstränge, eine neue Technologiepartnerschaft (schließlich mit Mercedes-Benz unterzeichnet) und die Investitionen in die Anlagen in Gaydon vor. Der DB11 war die ersten Früchte dieses Plans – das Auto, auf dem Aston Martins Zukunft stehen oder fallen würde.

Der Druck auf den DB11 war immens. Er musste technologisch glaubwürdig sein auf eine Art, die der DB9 jahrelang nicht gewesen war. Er musste moderne Infotainment- und Fahrerassistenztechnologie bieten. Er musste zunehmend strengere globale Emissionsvorschriften erfüllen. Und entscheidend musste er all das tun, während er unmissverständlich, emotional, schmerzlich Aston Martin blieb.

Das Design: Aerodynamik als Kunst verkleidet

Unter der Leitung von Chefkreativdirektor Marek Reichman behielt der DB11 die klassischen Aston-Martin-Proportionen – eine lange Haube, eine zurückgeschwungene Kabine und ein kurzes Heck – wandte jedoch eine viel schärfere, modernere Ästhetik an.

Das wahre Genie des DB11-Designs liegt jedoch darin, wie es die Aerodynamik handhabt. Anstatt einen massiven, hässlichen Spoiler auf das Heck des Autos zu setzen, integrierte Aston Martin die aerodynamischen Hilfsmittel direkt in die Karosserie, um die elegante Silhouette zu erhalten.

  • Das „Curlicue”: Hinter den Vorderrädern, versteckt im ikonischen Aston-Martin-Seitenstreifen, befindet sich eine kiemenartige Öffnung namens Curlicue. Diese Öffnung entzieht Hochdruckluft aus den vorderen Radkästen und reduziert den Frontauftrieb bei hohen Geschwindigkeiten deutlich, ohne dass ein aggressiver Frontsplitter nötig ist.
  • Das Aeroblade: Das ist das Herzstück des DB11. Luft wird durch diskrete Einlässe am Fuß der C-Säulen geleitet. Diese Luft fließt durch die hintere Karosserie und wird durch einen schmalen Schlitz im hinteren Kofferraumdeckel ausgeblasen. Dies erzeugt einen vertikalen Strahl von Hochdruckluft, der als „virtueller Spoiler” wirkt und das Heck des Autos bei hohen Geschwindigkeiten nach unten drückt. Ein kleiner aktiver Gurney-Flap entfaltet sich nur bei sehr hohen Geschwindigkeiten, um das Aeroblade zu unterstützen.

Das Ergebnis ist ein Auto, das bei 200 km/h aerodynamisch stabil ist, aber vollständig sauber und unverfälscht aussieht, wenn es vor einem Hotel in Monaco geparkt ist.

Eine neue Aluminiumarchitektur

Das Fundament des DB11 ist eine komplett neue geklebte Aluminiumstruktur – das erste saubere Aston-Martin-Fahrwerk seit der Entwicklung der ursprünglichen VH-Architektur in den frühen 2000er Jahren. Die neue Wanne ist deutlich steifer als ihr Vorgänger und bietet eine viel präzisere Plattform für die Federung. Geklebte Aluminiumkonstruktion (bei der Platten durch Klebstoffe verbunden und genietet werden, anstatt geschweißt zu werden) ermöglicht extreme Präzision in der Montage und hervorragende Aufprallleistung, während die Struktur leichter als eine gleichwertige Stahlkonstruktion bleibt.

Das Fahrwerk wurde entwickelt, um eine Reihe von Antriebssträngen aufzunehmen – einschließlich des V12 und des später eingeführten AMG-V8 – und die Plattform erwies sich als flexibel genug, um später den DB12 mit weiteren Überarbeitungen zu unterstützen.

Das Herz: Der 5,2-Liter-Biturbo-V12

Der umstrittenste Aspekt des DB11 vor seinem Start war der Motor. Zum ersten Mal in der DB-Abstammung war Aston Martin gezwungen, die Saugmotortechnologie zugunsten von Turboaufladung aufzugeben, um verschärfende globale Emissionsvorschriften zu erfüllen.

Puristen befürchteten, dass die Turbolader das legendäre Aston-Martin-V12-Heulen dämpfen würden. Sie brauchten sich keine Sorgen zu machen. Aston Martin entwarf einen brandneuen, intern entwickelten 5,2-Liter-Biturbo-V12 (intern als AE31 bezeichnet).

Der Motor produziert 608 PS bei 6.500 U/min und ein massives Drehmoment von 700 Nm, das bereits ab 1.500 U/min verfügbar ist. Diese Welle von Drehmomenten transformierte die Fahreigenschaften des Autos im Vergleich zum DB9 völlig und ermöglichte mühelose, schwellende Überholmanöver, ohne drei Gänge herunterschalten zu müssen.

Entscheidend verbrachten die Ingenieure unzählige Stunden damit, den Auspuff so zu stimmen, dass er immer noch wie ein Aston Martin klingt. Obwohl ihm das hochfrequente Kreischen des alten 6,0-Liter-Motors fehlt, besitzt er ein tiefes, komplexes und unglaublich zorniges Röhren, das unbestreitbar aristokratisch ist.

Die Leistung wird über ein hinteres 8-Gang-ZF-Automatikgetriebe an die Hinterräder geleitet und bietet eine perfekte Gewichtsverteilung von 51:49. Der Sprint von 0 auf 100 km/h dauert 3,9 Sekunden, und die Höchstgeschwindigkeit ist ein verifizierter Wert von 322 km/h.

Entwicklung des neuen V12: Ein sauberer Motor

Der AE31-Motor wurde vollständig intern in Gaydon entwickelt – eine bedeutende Leistung für ein Unternehmen der Größe von Aston Martin. Der Block ist ein reines Aluminium-60-Grad-V12 mit Biturboladern in einer „Hot-V”-Konfiguration (zwischen den Zylinderbanken eingebettet). Dieser Verpackungsansatz hält den Motor kompakt, reduziert das Turboloch, indem die Strecke, die Abgase zurücklegen müssen, verkürzt wird, und ermöglicht eine niedrigere Motorhaubenlinie.

Die Flachkurbelwelle (ungewöhnlich für einen V12) trägt zum Drehcharakter des Motors bei – er dreht mit echtem Enthusiasmus hoch, anstatt der gelasseneren, zügelnden Qualität einiger großvolumiger V12s. In Kombination mit der Abgasabstimmung und aktiven Bypass-Ventilen liefert der AE31 einen Klang, der zwar anders als der alte natürlich gesaugte Motor ist, aber eine Tiefe und Autorität ganz eigener Art hat.

Die AMG-V8-Option

Im Jahr 2017 erweiterte Aston Martin die Attraktivität des DB11, indem es eine zweite Motoroption einführte: einen 4,0-Liter-Biturbo-V8, bezogen von Mercedes-AMG.

Mit 510 PS war der V8 weniger leistungsstark als der V12, aber auch 115 kg leichter, und dieses Gewicht wurde fast vollständig von der Vorderachse entfernt. Viele Fahrenthusiasten und Automobilistjournalisten bevorzugten tatsächlich das V8-Modell und argumentierten, dass die leichtere Nase das Auto deutlich agiler und kurvenfreudiger machte und den DB11 von einem reinen Cruiser in ein echtes Sport-GT verwandelte.

Der V8 machte den DB11 auch deutlich erschwinglicher und öffnete das Auto für ein breiteres Publikum. Zum Zeitpunkt seiner Einführung kostete der V8 etwa 30.000 Pfund weniger als der V12 und lieferte ein Fahrerlebnis, das viele unter realen Bedingungen als angenehmer empfanden.

Ein modernes Interieur

Das Interieur des DB11 markierte das Ende von Aston Martins Abhängigkeit von veralteter Elektronik. Dank ihrer technischen Partnerschaft mit Mercedes-Benz übernahm der DB11 eine stark angepasste Version des Mercedes-COMAND-Infotainmentsystems mit einem scharfen 8-Zoll-Zentralbildschirm und einem volldigitalen 12-Zoll-Instrumenten-Cluster.

Trotz der deutschen Elektronik blieb das Kabinenambiente unverwechselbar britisch. Das Interieur ist in großen Mengen von handgenähtem Bridge-of-Weir-Leder, aufwendigen Brogue-Details und wunderschönem Offenporeholz oder Carbon-Verkleidungen gekleidet. Es ist ein überaus komfortabler Ort, um hunderte von Kilometern auf einmal zu verbringen.

Konkurrenz im Super-GT-Markt

Als der DB11 ankam, war der Super-GT-Markt unerbittlich wettbewerbsintensiv. Der Ferrari GTC4Lusso bot Allradantrieb und einen natürlich gesaugten V12 mit einem berauschendem Klang. Der Bentley Continental GT kombinierte außerordentliche Verfeinerung mit einem Biturbo-W12. Der McLaren GT (später) würde ein Mittelmotorlayout bieten. Und der Porsche Panamera Turbo S adressierte die Vier-Sitz-Anforderung praktischer.

Der DB11 schuf seinen eigenen, eigenständigen Raum in dieser Gesellschaft. Er versuchte nicht, das Schnellste oder das Praktischste zu sein. Stattdessen bot er etwas, das keiner der Rivalen ganz replizieren konnte: einen echten emotionalen, unverwechselbar britischen Charakter, kombiniert mit echter moderner Technologie und Leistung. Der DB11 machte erfolgreich den Fall, dass Aston Martins einzigartige Atmosphäre – das Gefühl, dass das Fahren eines davon irgendwie romantischer ist als alles andere zu fahren – den Übergang vom Analogen zum Digitalen überleben konnte.

Die AMR-Evolution

Im Jahr 2018 ersetzte Aston Martin das Standard-V12-Modell durch den DB11 AMR (Aston Martin Racing). Der AMR erhielt eine Leistungssteigerung auf 639 PS, ein lauteres Abgassystem und stark überarbeitetes Fahrwerks-Tuning. Der AMR adressierte frühe Kritiken, dass der ursprüngliche V12 etwas zu weich war, und verschärfte die Karosseriekontrolle, ohne die Fahrqualität zu ruinieren.

Die AMR-Bezeichnung würde in Aston Martins Lineup zur wiederkehrenden Kurzform für fahrerfokussierte, verschärfte Versionen von Standardmodellen – eine Tradition, die bis heute fortbesteht.

Vermächtnis und Produktion

Der DB11 blieb bis 2023 in Produktion, als er durch den DB12 ersetzt wurde. Während seiner Produktionszeit baute Aston Martin den DB11 sowohl als Coupé als auch als Volante (Cabrio), wobei letzteres dank eines umfassenden Systems zusätzlicher Verstärkungen die volle strukturelle Integrität des Aluminiumchassis beibehielt.

Das Vermächtnis des DB11 ist das eines Autos, das Aston Martin wirklich modernisierte. Es bewies, dass die Marke ein sauberes Fahrwerk bauen, einen konkurrenzfähigen turbogeladenen V12 entwickeln, glaubwürdige moderne Technologie integrieren und trotzdem etwas völlig, unverwechselbar Aston Martin produzieren konnte. Ohne den Erfolg des DB11 wäre der DB12 – und die fortgesetzte Unabhängigkeit der Marke – weit weniger sicher gewesen.

Der Aston Martin DB11 trug die Marke erfolgreich in ihr zweites Jahrhundert. Er meisterte die unglaublich schwierige Aufgabe, moderne Technologie – Turboaufladung, digitale Schnittstellen und komplexe Aerodynamik – zu übernehmen, während er die Seele, Schönheit und emotionale Anziehungskraft bewahrte, die einen Aston Martin definieren.