Bugatti Divo: Das Glück liegt nicht hinter der Kurve, es ist die Kurve
Als der Bugatti Chiron auf den Markt kam, bekräftigte er die Dominanz der Marke in der Geradeausfahrt. Aber für einige Kunden – und tatsächlich für Bugattis eigene Ingenieure – blieb die Frage: Was wäre, wenn wir aufhörten, dem Horizont zu jagen und stattdessen den Scheitelpunkten nachzujagen? Die Antwort ist der Bugatti Divo.
Benannt nach Albert Divo, dem französischen Rennfahrer, der Ende der 1920er Jahre zweimal mit einem Bugatti Type 35 die Targa Florio gewann, repräsentiert der Divo eine philosophische Wende. Er ist das erste moderne „karosserieebaute” Hypercar der Marke und belebt eine Tradition aus den 1930er Jahren wieder, als Bugatti verschiedene Karosserien auf bestehende Fahrwerke setzte, um verschiedenen Zwecken zu dienen. Während der Chiron der ultimative Grand Tourer ist, ist der Divo ein scharfer, aggressiver Kurvenräuber.
Philosophie: Abtrieb statt V-Max
Das definierende Merkmal des Divo ist das Opfer von Höchstgeschwindigkeit. Der Chiron ist auf 420 km/h begrenzt. Der Divo ist elektronisch auf „nur” 380 km/h begrenzt. Diese Reduzierung ermöglichte es den Aerodynamikern, die Karosserie des Autos vollständig neu zu überdenken.
Wenn man 400+ km/h anstrebt, ist Luftwiderstand der Feind. Man braucht eine elegante, glatte Form. Aber wenn man Kurvengeschwindigkeit anstrebt, braucht man Abtrieb, der inherent Luftwiderstand erzeugt. Durch die Akzeptanz einer geringeren Höchstgeschwindigkeit konnte das Divo-Team den Abtrieb häufen, ohne sich um die aerodynamische Wand bei Ultrahohen Geschwindigkeiten zu sorgen.
- Gesamter Abtrieb: 456 kg bei Höchstgeschwindigkeit (90 kg mehr als der Chiron).
- Laterale G-Kräfte: 1,6 g (im Vergleich zu 1,5 g beim Chiron).
- Nardò-Rundenzeit: Der Divo umrundet den Nardò-Handling-Kurs 8 Sekunden schneller als der Chiron.
Design vs. Engineering
Der Divo sieht radikal anders aus als der Chiron, teilt aber dasselbe Rollchassis und Antriebsstrang. Die visuelle Aggressivität ist rein funktional.
Die Front
Der Hufeisen-Kühlergrill ist breiter, aber die echte Magie liegt in den „Luftvorhängen”. Vertikale Klingen an den äußeren Rändern der vorderen Stoßstange leiten Luft entlang der Seiten des Autos, um Turbulenzen von den rotierenden Rädern zu reduzieren. Die Scheinwerfer sind ultradünne LED-Schlitze, kaum 35 mm hoch, was es den Ingenieuren ermöglichte, massive Lufteinlässe darunter zu platzieren, um die vorderen Bremsen zu kühlen.
Der Dachkanal
Eines der Erkennungsmerkmale des Divo ist der in das Dach geschnitzte NACA-Kanal. Dies ist eine aerodynamische Lösung, die aus der Luftfahrt und dem Rennsport übernommen wurde. Er leitet saubere, nicht turbulente Luft direkt in den Motorraum, um den massiven W16-Antriebsstrang zu kühlen. Dies ist deutlich effizienter als die seitlichen Öffnungen des Veyron oder der C-Balken-Einlass des Chiron und ermöglicht ein besseres Thermomanagement beim harten Fahren.
Der Heck-Komplex
Das Heck des Divo ist ein Kunstwerk. Das Rückleuchtensystem ist tatsächlich ein 3D-gedrucktes Gitter aus 44 einzeln beleuchteten Finnen. Diese Finnen variieren in Größe und Abstand und erzeugen eine schwindende, „organische” Lichtsignatur, die in der Dunkelheit zu schweben scheint. Diese komplexe Form wäre mit traditionellem Spritzguss unmöglich herzustellen. Über den Leuchten sitzt ein massiver Heckflügel von 1,83 Metern Breite – 23 % breiter als der Flügel des Chiron. Er dient als Luftbremse und Abtriebsgenerator, muss sich aber im Gegensatz zum Flügel des Chiron für einen „Höchstgeschwindigkeitsmodus” nicht vollständig in die Karosserie zurückziehen, was einfachere, leichtere Mechanik ermöglicht.
Fahrwerks-Tuning: Vergleich mit dem Chiron
Während der Motor identisch ist – 1.500 PS und 1.600 Nm – fährt sich der Divo dank umfangreichem Fahrwerks-Tuning anders.
- Sturzwinkel: Die Räder laufen mit erhöhtem negativen Sturz (-1,0 Grad) im Vergleich zum Chiron. Dies beeinträchtigt die Geradausfahrtstabilität leicht, ermöglicht es den Reifen aber, beim harten Kurvenfahren eine größere Kontaktfläche aufrechtzuerhalten.
- Aufhängung: Die Federraten und Dämpfer sind deutlich steifer. Das Auto rollt weniger und reagiert schneller auf Lenkeingriffe.
- Lenkung: Die elektrische Servolenkzahnstange hat eine direktere Abstimmung und bietet mehr Gewichtung und Feedback.
- Gewicht: Der Divo ist 35 kg leichter als der Chiron. Dies wurde erreicht durch:
- Leichtgewichtsfelgen.
- Carbon-Ladeluftkühler-Abdeckung.
- Fixierung der vorderen Diffusor-Klappen.
- Reduzierung der Schalldämmungsmaterialien.
- Entfernung von Staufächern in den Türen und der Mittelkonsole.
Divo vs. Chiron Pur Sport
Später im Lebenszyklus des Chiron veröffentlichte Bugatti den Chiron Pur Sport, den viele mit dem Divo verwechseln. Während beide streckenfokussiert sind, bedienen sie unterschiedliche Nischen:
- Der Divo (5 Mio. Euro): Ein karosserieebautes Sondermodell. Es geht um Exklusivität, Design und Hochgeschwindigkeits-Abtrieb. Er verwendet die Standard-Getriebeübersetzungen.
- Der Pur Sport (3 Mio. Euro): Eine technische Weiterentwicklung. Er verfügt über ein völlig anderes Getriebe mit 15 % kürzeren Übersetzungen für Beschleunigung, steifere Federn als selbst der Divo und einen festen Heckflügel. Der Pur Sport ist wohl das härtere Fahrerauto, während der Divo das exklusivere Sammlerstück ist.
Das Kauferlebnis: „Die Wenigen”
Bugatti begrenzte die Divo-Produktion auf nur 40 Einheiten. Als das Auto einer ausgewählten Gruppe von Chiron-Besitzern in privaten Vorschauen präsentiert wurde (vor dem öffentlichen Start in Pebble Beach), waren alle 40 Einheiten sofort verkauft. Der Basispreis betrug 5 Millionen Euro netto. Praktisch kein Divo verließ die Fabrik zum Basispreis. Kunden wurden nach Molsheim eingeladen, um jedes einzelne Element zu individualisieren.
- Lackierung: Einige Kunden entwickelten völlig neue Farben, ein Prozess, der Monate des Testens in Anspruch nehmen kann, um sicherzustellen, dass die Farbe auf Carbon nicht verblasst oder reißt.
- Carbon: Bugatti bietet freiliegendes Carbon in verschiedenen Tönen (blau, rot, grün, grau). Das Anpassen des Gewebes über die komplexen Kurven der Divo-Karosserie ist ein akribischer Prozess.
- Innenraum: Das Innere des Divo entfernt etwas Stauraum des Chiron, fügt aber tiefere Schalensitze und überall Alcantara hinzu, um den Fahrer bei hochg Kurvenfahrt zu greifen.
Fazit
Der Bugatti Divo bewies, dass die W16-Plattform kein Ein-Trick-Pony war. Er demonstrierte, dass ein 2-Tonnen-Hypercar tanzen konnte. Noch wichtiger revitalisierte er das Konzept des Karosseriebaus in der modernen Ära erfolgreich und ebnete den Weg für noch exklusivere Modelle wie den Centodieci und La Voiture Noire. Es ist ein Auto, das wahrscheinlich nie an Wert verlieren wird, eine Skulptur der Geschwindigkeit, die selbst im Stehen schnell aussieht.