Ferrari 812 Competizione: Der Gipfel des V12
Ein frontmotoriger, saugmotorgetriebener Ferrari V12 ist von einer inhärenten Romantik durchdrungen. Es ist die Konfiguration, die den Mythos von Maranello begründete – zurückreichend bis zur legendären 250er-Serie. Als Ferrari den 812 Superfast im Jahr 2017 vorstellte, schien es unmöglich, aus einer Frontmotor-Hinterradantriebs-Plattform noch mehr Leistung herauszuholen, ohne auf Turboaufladung oder Hybridisierung zurückzugreifen.
Doch Ferraris Gestione Sportiva – die Sonderprojekte-Abteilung, die für Fahrzeuge wie den 458 Speciale und den F12tdf verantwortlich ist – lässt sich vom Wort „unmöglich” nicht aufhalten. Im Jahr 2021 präsentierten sie den Ferrari 812 Competizione.
Er war nicht bloß ein 812 mit lauterem Auspuff und strafferer Federung. Er war eine tiefgreifende Neuinterpretation des V12-Motors und eine Meisterklasse in der Beherrschung von Luftströmungen. Er steht möglicherweise als der ultimative Ausdruck des reinen, ununterstützten Verbrennungsmotors vor dem unaufhaltsamen Vormarsch der Elektrifizierung.
Der F140 HB: Auf dem Weg zu 9.500 U/min
Das Herzstück eines jeden Ferrari ist sein Motor, und der 6,5-Liter (6.496 cc) F140 HB V12 im 812 Competizione ist wohl der größte je von Menschenhand für ein Straßenfahrzeug gebaute Motor. Um 830 CV (819 hp) zu erzielen – eine Steigerung von 30 CV gegenüber dem Superfast – musste Ferrari grundlegend verändern, wie der Motor atmet und dreht.
Die schockierendste Kenngröße ist der Drehzahlbegrenzer. Der V12 dreht bis zu atemberaubenden 9.500 U/min hoch – der höchstdrehende Motor, den Ferrari je in einem Straßenfahrzeug verbaut hat. Um dies zu erreichen, ohne dass sich der Motor selbst zerstört, bedurfte es Metallurgie und Konstruktionsprinzipien aus der Formel 1:
- Titan-Pleuelstangen: Die Pleuelstangen bestehen aus Titan, was ihr Gewicht im Vergleich zu Stahl um 40 % reduziert.
- DLC-beschichtete Bolzen und Nockenwellen: Die Kolbenbolzen und Nockenwellen sind mit Diamond-Like Carbon (DLC) beschichtet, um die Reibung drastisch zu reduzieren.
- Gleitende Fingerkipphebel: Anstelle traditioneller Tassenstößel verwendet der Ventiltrieb gleitende Fingerkipphebel – eine Technologie, die direkt aus der F1 übernommen wurde – um die extremen Ventilhubprofile bei 9.500 U/min zu bewältigen.
- Neu gestaltete Kurbelwelle: Die Kurbelwelle wurde neu ausgewuchtet und um 3 % leichter gemacht.
- Variabler Geometrie-Ansaugtrakt: Das Ansaugsystem verfügt über Kanäle mit variabler Geometrie, die die Länge der Ansaugrohre kontinuierlich anpassen, um das Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen zu optimieren und die Leistung im oberen Drehzahlbereich zu maximieren.
Das Ergebnis ist ein Drehmomentschwerpunkt von 692 Nm (510 lb-ft) bei hohen 7.000 U/min. Dieser Motor liefert keinen massiven Schub an Niederdrehzahlmoment wie ein moderner Turbo-V8; stattdessen verlangt er, ausgedreht zu werden, und liefert einen vollkommen linearen, reißenden Leistungsaufbau, der in einem durchdringenden, opernhaften Schrei gipfelt, der kilometerweite Echos hinterlässt.
Aerodynamik: Die patentierte „Blade”
Der 812 Competizione ist optisch beeindruckend, aber jede Styling-Änderung dient einem strengen aerodynamischen Zweck. Das Fahrzeug erzeugt deutlich mehr Abtrieb als der Superfast – und tut dies mit höchst unkonventionellen Mitteln.
Das umstrittenste und prägendste Merkmal ist die Heckscheibe – oder vielmehr ihr vollständiges Fehlen. An ihrer Stelle befindet sich eine massive Aluminiumplatte, unterbrochen von drei Paaren Wirbelgeneratoren. Diese Carbon-Faser-Vorsprünge sind darauf ausgelegt, den über das Dach strömenden Luftfluss zu verwirbeln und ihn gewaltsam auf den massiven Heckspoiler umzulenken, um den Abtrieb um 10 % zu steigern. Da der Fahrer nicht nach hinten sehen kann, nutzt das Fahrzeug einen hochauflösenden digitalen Rückspiegel.
An der Front verläuft ein massives Carbon-Faser-Element quer über die Motorhaube. Dies ist kein bloßes Styling-Element; es verdeckt die gewaltigen Lüftungsschlitze, die notwendig sind, um die enorme Hitze der Kühler abzuleiten. Durch das Abdecken dieser Öffnungen bleibt der Luftstrom über der Motorhaube sauber und angelegt, was den Luftwiderstand reduziert und die Luftzufuhreffizienz für den V12 verbessert.
Das Auspuffsystem wurde ebenfalls vollständig neu gestaltet. Anstelle runder Vierrohranlagen verwendet der Competizione zwei massive, rechteckige Auspuffrohre, die an die äußersten Ränder des hinteren Stoßfängers gerückt sind. Dadurch wurde der zentrale Bereich des Stoßfängers freigegeben, was es Ferraris Aerodynamikern ermöglichte, einen enormen hinteren Diffusor zu installieren, der nahezu die gesamte Fahrzeugbreite überspannt und satte 25 % des gesamten Abtriebszuwachses des Fahrzeugs erzeugt.
PCV 3.0: Unabhängige Vierradlenkung
Um 830 PS zu managen, die ausschließlich an die Hinterräder gehen, setzte Ferrari die 7. Generation seines Side Slip Control (SSC)-Systems ein, das E-Diff (elektronisches Sperrdifferenzial), F1-Trac (Traktionskontrolle) und SCM-E (magnetorheologische Dämpfer) integriert.
Das herausragende Fahrwerk-Feature des Competizione ist jedoch PCV 3.0 (Passo Corto Virtuale, oder virtueller kurzer Radstand). Dabei handelt es sich um Ferraris System zur unabhängigen Hinterradlenkung.
Anders als bei herkömmlichen Hinterradlenksystemen, bei denen das linke und rechte Hinterrad perfekt synchron lenken, können die Aktuatoren am 812 Competizione das linke und rechte Hinterrad unabhängig voneinander einschlagen. Bei hartem Kurvenfahren kann das System spezifische Mikro-Spuranpassungen genau an dem Rad vornehmen, das sie am meisten benötigt. Dies verleiht dem Fahrzeug ein nahezu übernatürliches Maß an Agilität und Vorderachsgrip und lässt diesen massiven Frontmotor-GT mit der Unmittelbarkeit eines Mittelmotorsportwagens die Richtung wechseln.
Diät und Getriebe
Gewichtsreduzierung war für den Auftrag des Competizione entscheidend. Ferrari sparte durch den umfangreichen Einsatz von Carbon-Faser (Stoßfänger, Spoiler, Lufteinlässe, Innenverkleidung), Titan (Pleuelstangen, Abgassystem) und geschmiedeten Aluminiumrädern (mit Carbon-Faser-Rädern als extrem teurer Option) 38 kg gegenüber dem Superfast ein.
Das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe blieb physisch erhalten, doch die Steuersoftware wurde vollständig neu geschrieben. Die Schaltzeiten wurden um 5 % reduziert und wirken brutal sofort. In Kombination mit dem höher drehenden Motor fühlt sich die Übersetzung kürzer an und hält den V12 stets in seinem optimalen Leistungsband.
Eine ausverkaufte Legende
Ferrari begrenzte die Produktion auf lediglich 999 Coupés und 599 Aperta (Targa-Dach)-Modelle. Wie zu erwarten, waren beide vollständig an Ferraris treueste VIP-Kunden vergeben, bevor das Fahrzeug überhaupt öffentlich enthüllt wurde.
Der 812 Competizione markiert einen Höhepunkt des Automobilbaus. Er ist ein erschreckend schnelles, immens fähiges Fahrzeug, das auf mechanischer Reinheit und aerodynamischer Zauberei beruht, anstatt auf schweren Batterien oder gedämpften Turboladern. Er ist laut, er ist viszeral, und er ist eine würdige Hommage an die Motorkonfiguration, die Ferrari zur bekanntesten Automobilmarke der Welt gemacht hat.