Ferrari F12tdf: Der Einschüchterer
Die Geschichte von Ferraris Frontmotor-V12-Berlinettas ist geprägt durch eine klare Unterscheidung zwischen den regulären Grand Tourern (dem 550 Maranello, dem 599 GTB, dem F12berlinetta) und den hardcore, streckenorientierten Sondereditionenen (dem 599 GTO, dem 812 Competizione). Als Maranello entschied, die ultimative, entfesselte Version des bereits potenten F12berlinetta zu bauen, blickte man für die Namensgebung in die eigene Geschichte.
Man wählte „tdf” – für die Tour de France Automobile – ein legendäres, hartes Ausdauerstraßenrennen, das Ferrari in den 1950er und 60er Jahren mit ikonischen Fahrzeugen wie der 250 GT Berlinetta schlechthin dominierte. Das Rennen, das von Paris in die Alpen und zurück führte, war bekannt für seine extremen Anforderungen an Mensch und Maschine. Es war kein Rennen für Zögerliche, und der nach ihm benannte Ferrari ist keines für Unentschlossene.
Der Ferrari F12tdf, 2015 enthüllt und auf lediglich 799 Einheiten limitiert, ist ein Fahrzeug, das dem harten Wesen seines Namensgebers gerecht wird. Er galt bei seiner Veröffentlichung unter Autojournalisten und Testfahrern als eines der einschüchterndsten, erschreckend schnellen und anspruchsvollsten Fahrzeuge, die Ferrari je produziert hat. Er ist ein Meisterwerk des Saugmotor-Ingenieurswesens – aber er weigert sich aktiv, ungeübte Fahrer zu schmeicheln.
Die historische Tradition
Die Tour de France Automobile, die von 1899 bis 1986 ausgetragen wurde, war in ihrer Hochblüte in den 1950er und 60er Jahren eine der prestigeträchtigsten motorsportlichen Veranstaltungen Europas. Ferrari dominierte diese Ära mit seinen 250 GT Berlinetta Fahrzeugen auf eine Art, die die Verbindung zwischen der Marke und dem Rennen unauslöschlich in der Automobilgeschichte verankerte.
Die Wahl dieses Namens für die extremste Version des F12 war kein Zufall. Es war eine Aussage über das Wesen des Fahrzeugs: schnell, ausdauernd, unerbittlich. Ein Fahrzeug, das auf langen, harten Straßen getrieben werden wollte, nicht nur auf kurzen Rennstreckenrunden.
Das Herz: Der F140 FC V12
Der 6,3-Liter (6.262 cc) V12 des Standard-F12berlinetta war bereits einer der großartigsten Motoren auf dem Markt, doch die Gestione Sportiva-Abteilung wollte mehr.
Der F140 FC-Motor im F12tdf wurde grundlegend überarbeitet. Ferrari montierte rennsportabgeleitete, mechanische Festkipphebel für die Ventilbetätigung, die aggressivere Nockenwellenprofile ermöglichten. Der Ansaugtrakt nutzte variable Trompetenrohre (ein in der Formel 1 verbanntes System), die ihre Länge verändern, um die Luftgeschwindigkeit über den gesamten Drehzahlbereich zu optimieren.
Diese internen Änderungen ermöglichten dem Motor freier zu drehen und hoben den Drehzahlbegrenzer von 8.700 auf ohrenbetäubende 8.900 U/min an. Die Leistung stieg von 740 CV auf 780 CV (769 hp) bei 8.500 U/min. Das Drehmoment stieg ebenfalls auf 705 Nm (520 lb-ft), wovon bereits 80 % ab nur 2.500 U/min verfügbar sind.
Das Gasansprechen ist praktisch sofortig, und der Klang ist vollkommen anders als beim Standard-F12. Das Abgassystem wurde auf niedrigeren Gegendruck hin neu gestaltet und gab den gemäßigten Grand-Touring-Ton zugunsten eines rohen, metallischen Kreischens auf, das durch die ausgehöhlte Kabine hallt. Bei 8.900 U/min klingt der F140 FC wie ein Formel-1-Motor aus den goldenen Tagen des natürlichen Saugmotors – eine akustische Erfahrung, die in der modernen Ära der Turboaufladung und Hybridisierung zunehmend selten wird.
Das Getriebe: Kürzer und schärfer
Die Leistung wird ausschließlich über ein 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe an die Hinterräder geleitet. Ferrari änderte jedoch nicht nur die Software, sondern veränderte physisch die Übersetzungsverhältnisse.
Die Gänge des F12tdf sind 6 % kürzer als im F12berlinetta. In Kombination mit dem höher drehenden Motor und einer Software, die Hochschaltvorgänge um 30 % und Runterschalten um 40 % beschleunigt, fühlt sich die Beschleunigung erschütternd an. Die kürzere Übersetzung lässt das Fahrzeug hektisch wirken, ständig an der Leine zerrend und mit Gewehrbolzen-Unmittelbarkeit den nächsten Gang fordernd.
Die Schaltimpulse des F12tdf sind legendär für ihre Brutalität. Wenn man auf der Rennstrecke in hohe Gänge hochschaltet und dann tief herunterschalten muss für eine enge Kurve, knallt das Getriebe die Gänge durch mit einer Entschlossenheit, die jeden Zweifel über den Charakter dieses Fahrzeugs beseitigt.
Aerodynamik: Die weiterentwickelte Aerobridge
Optisch ist der F12tdf eine brutale, aggressive Weiterentwicklung des Pininfarina-designten F12. Die aerodynamische Effizienz wurde nahezu verdoppelt und erzeugt bei 200 km/h 230 kg (507 lbs) Abtrieb.
- Die Frontschürze: Das vordere Schürzendesign wird von einem komplexen Carbon-Faser-Splitter, Dive-Planes und einem massiven unteren Lufteinlass dominiert.
- Die Aerobridge: Die charakteristische „Aerobridge” des F12 – der Kanal, der Luft von der Motorhaube entlang der Flanken leitet – wurde mit Carbon-Faser-Lamellen neu gestaltet, um Hochdruckluft aus den vorderen Radkästen abzuführen.
- Das Heck: Die Hinterachse ist breiter, und der massive Heckspoiler ist 60 mm länger und 30 mm höher als beim Standardfahrzeug. Die Heckscheibe ist steiler, und der aktive hintere Diffusor verfügt über drei aktive Klappen, die die Aerodynamik auf Hochgeschwindigkeitsgegenden stallen, um den Luftwiderstand zu reduzieren.
Diese aerodynamischen Verbesserungen sind nicht nur Stilmittel – sie sind funktionale Ingenieurslösungen, die das Fahrzeug auf der Rennstrecke erheblich stabiler und schneller machen als den Standard-F12.
Die Diät: 110 kg Carbon und Alcantara
Um die enorme Leistung und den Abtrieb zu ergänzen, unterzog sich der F12tdf einer extremen Abspeckkur und verlor im Vergleich zum Standardfahrzeug unglaubliche 110 kg (242 lbs).
Das Trockengewicht liegt bei schlanken 1.415 kg (3.120 lbs). Erreicht wurde dies durch den obsessiven Einsatz von Carbon-Faser innen wie außen. Stoßfänger, aerodynamische Anbauteile und Türverkleidungen sind alle aus sichtbarem Carbon.
Im Inneren ist der Luxus des Standard-F12 verschwunden. Die schweren Ledersitze wurden durch spartanische, mit Alcantara bezogene Carbon-Schalensitze ersetzt. Das Handschuhfach wurde vollständig gestrichen. Die Teppiche wurden entfernt und durch nackte, gemusterte Aluminiumbodenplatten ersetzt. Selbst die traditionellen Türgriffe wurden entfernt und durch einfache rote Zugriemen aus Stoff ersetzt.
Diese spartanische Behandlung des Innenraums war keine Stilentscheidung, sondern eine Leistungsentscheidung. Jedes Gramm, das gespart wurde, bedeutete mehr Beschleunigung, kürzere Bremswege und schärfere Kurvengeschwindigkeiten. Der F12tdf zeigt mit Stolz seine Gewichtsspar-Absichten.
Virtual Short Wheelbase (PCV)
Das prägende Merkmal des F12tdf ist sein Handling – berühmt-berüchtigt für seine Schärfe und Neigung zum Übersteuern.
Um dem Fahrzeug schärferes Einlenkverhalten zu verleihen, vergrößerte Ferrari die Breite der Vorderreifen dramatisch (von 255- auf 275er-Querschnitt). Das verlieh der Vorderachse immensen Grip und machte das Einlenkansprechen nahezu telepathisch. Da die Hinterreifen jedoch nicht proportional verbreitert werden konnten (sie waren mit 315er-Querschnitt bereits massiv), entstand eine Fahrwerksbalance mit starker Tendenz zum Übersteuern.
Um dem entgegenzuwirken, führte Ferrari den Virtual Short Wheelbase (Passo Corto Virtuale, oder PCV) ein – das allererste Hinterradlenksystem von Ferrari.
Das PCV-System lenkt die Hinterräder bei schneller Kurvenfahrt automatisch in dieselbe Richtung wie die Vorderräder. Das verlängert den Radstand künstlich und sorgt für die nötige Stabilität, um zu verhindern, dass der enorme Vorderachsgrip das Fahrzeug sofort dreht.
Selbst mit PCV ist der F12tdf eine Herausforderung. Die Lenkübersetzung ist unglaublich schnell, und das Fahrwerk ist unnachgiebig steif. Es ist ein Fahrzeug, das 100 % Konzentration fordert. Schaltet man die Traktionskontrolle aus, wird der F12tdf seine Hinterreifen bei 160 km/h pulverisieren. Es ist kein Auto für halbherzige Commitments.
Der ultimative Frontmotor-Ferrari?
Der Ferrari F12tdf beschleunigt in 2,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h, erreicht 200 km/h (124 mph) in 7,9 Sekunden und umrundet Fiorano in 1:21,0 Minuten.
Doch Zahlen definieren dieses Auto nicht. Der F12tdf wird durch die Furcht und den Respekt definiert, den er seinem Fahrer einflößt. Er ist das Gegenteil des leicht zu fahrenden modernen Supersportwagens. Er ist ein wildes, hecklastiges, schreiendes Monster von einem Fahrzeug, das immense Fähigkeiten belohnt und Zögerlichkeit bestraft.
Ferrari limitierte den F12tdf auf 799 Exemplare. Wer eines kaufen wollte, musste bereits ein etablierter Ferrari-Sammler sein – und selbst dann war der Kauf nicht garantiert. Die Warteliste überstieg von Beginn an die Produktionszahl.
Auf dem Gebrauchtmarkt ergibt sich eine merkwürdige Realität: Der F12tdf erzielt regelmäßig höhere Preise als der Listenpreis des technisch überlegenen 812 Competizione. Der Markt preist hier das Fahrerlebnis, nicht die Rundenzeit. Ein 780-PS-Saugmotor mit kurzem Schaltgetriebe, echter Übersteuertendenz und ohne elektronische Schutzmauern ist im modernen Hochleistungsauto-Markt eine aussterbende Spezies – und das spiegelt sich im Preis wider.