Ferrari F40: Die Definition des Analogen
Der Ferrari F40 ist nicht nur ein Auto; er ist ein heiliges Artefakt für Automobilenthusiasten. 1987 anlässlich des 40-jährigen Firmenjubiläums veröffentlicht, war er das letzte Auto, das von Enzo Ferrari persönlich in Auftrag gegeben und genehmigt wurde, bevor er 1988 starb. Seine Vorgabe an die Ingenieure war simpel: „Baut ein Auto, das schneller ist als alles andere auf der Straße.”
Bei seiner Markteinführung war der F40 das schnellste, leistungsstärkste und teuerste Auto, das Ferrari je verkauft hatte. Doch Zahlen erzählen die ganze Geschichte nicht. Anders als moderne Hypercars, die Computer nutzen, um den Fahrer zu schmeicheln, ist der F40 ein mechanischer Faustkampf. Er hat keine Traktionskontrolle, kein ABS, keine Servolenkung und keine Servobremse. Es sind nur Sie, ein Lenkrad und 478 PS aufgeladener Raserei.
Die Entwicklung: Von der Gruppe B auf die Straße
Die DNA des F40 lässt sich direkt auf den 288 GTO Evoluzione zurückverfolgen, einen Prototyp, der für die legendäre Gruppe-B-Rennserie entwickelt wurde. Als die Gruppe B 1986 aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde, blieben Ferrari fünf Entwicklungsprototypen übrig, die nirgendwo mehr fahren konnten. Anstatt sie zu verschrotten, überzeugte Nicola Materazzi (der Chefingenieur, der als Vater des F40 gilt) Enzo, das Projekt in das ultimative Straßenauto umzuwandeln.
Das 11-Monats-Wunder
Der Zeitrahmen für den F40 war absurd kurz. Materazzi und sein Team entwickelten das Auto in gerade einmal 11 Monaten.
- Juni 1986: Projektstart.
- Juli 1987: Präsentation des Autos. Um dies zu erreichen, arbeiteten sie nachts und an den Wochenenden. Das Fahrgestell war im Wesentlichen eine Weiterentwicklung des Rohrrahmens des 288 GTO, allerdings durch Carbon-Fiber-Verklebungen erheblich versteift. Der Motor war eine aufgebohrte Version des V8 des GTO. Es war ein echtes „Skunkworks”-Projekt im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Technik: Ein Rennwagen mit Kennzeichen
Der F40 wurde nach einer Philosophie des absoluten Minimalismus gebaut. Alles, was das Auto nicht schneller machte, wurde entfernt.
Der Motor (Tipo F120A)
Das Herz des F40 ist ein 2,9-Liter-Twin-Turbo-V8-Motor.
- Hubraum: 2.936 ccm.
- Turbolader: Zwei wassergekühlte IHI-Turbos.
- Ladedruck: 1,1 bar (16 psi).
- Leistung: 478 PS (352 kW) bei 7.000 U/min.
- Drehmoment: 577 Nm bei 4.000 U/min.
Die Leistungsentfaltung ist berühmtermaßen „an/aus”. Unterhalb von 4.000 U/min fühlt sich das Auto wegen des erheblichen Turbolochs träge an. Wenn die Turbos aber hochdrehen, kommt die Kraft in einer gewaltigen Explosion, die die Hinterräder sogar im dritten Gang zum Durchdrehen bringen kann. Diese Unberechenbarkeit ist Teil der Legende des Autos – sie erfordert Respekt und Können.
Die Verbundstoff-Karosserie
Der F40 war das erste Serienfahrzeug mit einer Karosserie aus reinen Verbundwerkstoffen.
- Paneele: Ein Mix aus Kevlar, Karbonfaser und Aluminium.
- Gewicht: Das Auto wiegt nur 1.100 kg trocken.
- Lack: Um Gewicht zu sparen, wurde die Lackschicht so dünn aufgetragen, dass man bei vielen Originalfahrzeugen durch die Rosso-Corsa-Farbe deutlich die Kevlar-Struktur sehen kann. Dieser „Gewebeabdruck” gilt bei Sammlern heute als Echtheitsmerkmal. Wenn ein F40 perfekten, dicken Lack hat, wurde er wahrscheinlich neu lackiert.
Innenraum: Spartanischer Luxus
Das Interieur ist ein Meisterkurs in Gewichtsersparnis.
- Türgriffe: Gibt es nicht. Man zieht an einem Drahtseil, um die Tür zu öffnen.
- Fenster: Frühe Modelle (die ersten etwa 50) hatten Schiebefenster aus Lexan wie ein Rennwagen. Spätere Modelle erhielten Kurbelfenster, aber auch die waren noch manuell.
- Teppich: Keiner. Der Boden ist blanke, mit dem Chassis verklebte Karbonfaser.
- Schallschutz: Keiner. Man hört alles – das Heulen des Getriebes, das Flattern der Wastegates und Steine, die gegen die Radkästen schlagen.
Leistung: Die 200-mph-Schallmauer
1987 durchbrach der F40 den Geschwindigkeitsrekord für Serienfahrzeuge.
- Höchstgeschwindigkeit: 324 km/h (201 mph). Er war das erste Serienfahrzeug, das die 200-mph-Grenze durchbrach (und damit den Porsche 959 mit 317 km/h übertraf).
- 0–100 km/h: 4,1 Sekunden.
- 0–200 km/h: 11,0 Sekunden.
Was diese Zahlen beeindruckend macht, ist wie sie erreicht werden. Es gibt keine Anfahrhilfe oder ein Doppelkupplungsgetriebe. Ein Sub-4-Sekunden-Sprint erfordert einen perfekten Start durch den Fahrer, der das Durchdrehen der Räder manuell mit einer schweren Kupplung und einem Kulissenschaltgetriebe mit 5 Gängen beherrscht.
F40 LM und Competizione
Obwohl der F40 ein Straßenfahrzeug war, wollten Privatfahrer ihn sofort im Rennsport einsetzen. Ferrari autorisierte Michelotto (ein Rennspezialist in Padua) zum Bau von Rennversionen.
- F40 LM (Le Mans): Gebaut für das IMSA-Rennen. Er verfügte über einen modifizierten Motor mit über 700 PS, einem abgespeckten Innenraum und festen Scheinwerfern (anstelle der Klappscheinwerfer). Nur 19 wurden gebaut.
- F40 Competizione: Eine etwas weniger extreme Version für den europäischen GT-Rennsport.
- F40 GTE: Die finale Evolutionsstufe für die BPR Global GT Series Mitte der 90er-Jahre mit einem größeren Heckflügel und breiteren Rädern.
Diese Rennwagen sind an ihren festen Scheinwerfern und zusätzlichen Kühlöffnungen erkennbar. Sie gehören zu den wertvollsten Ferraris überhaupt.
Fahrerlebnis: Schrecken und Freude
Den F40 zu fahren ist ein viszerales, körperliches Erlebnis.
- Sound: Der Motor dominiert den Innenraum. Das Auspuffgeräusch ist roh und ungefiltert. Im Leerlauf sucht und grummelt er. Beim Vollgas schreit er.
- Lenkung: Ohne Servounterstützung ist die Lenkung beim Parkieren sehr schwergängig. Aber oberhalb von 30 km/h erwacht sie, überträgt jede Unebenheit der Straße direkt in die Handflächen. Sie gilt weithin als das beste Lenkgefühl in einem Straßenfahrzeug.
- Bremsen: Die Bremsen sind unverstärkte Scheibenbremsen. Man muss mit immenser Kraft auf das Pedal treten, um das Auto zu stoppen. Das erhöht die körperliche Anstrengung beim schnellen Fahren.
- Fahrwerk: Das Fahrwerk ist für einen Supersportwagen überraschend komfortabel und wurde für holprige italienische Landstraßen und nicht für glatte Rennstrecken ausgelegt. Dies erlaubt dem Auto, mit der Straße zu atmen.
Markt und Vermächtnis
Ferrari plante ursprünglich nur 400 Exemplare zu bauen. Die Nachfrage war jedoch so hysterisch, dass Kunden das Doppelte des Listenpreises boten, noch bevor das Auto überhaupt gebaut war. Am Ende produzierte Ferrari 1.311 Exemplare zwischen 1987 und 1992. Lange Zeit hielten die vergleichsweise hohen Stückzahlen den Wert unter dem des selteneren 288 GTO. In den letzten Jahren hat der Markt jedoch erkannt, dass der F40 unabhängig von der Produktionszahl etwas Besonderes ist.
- Wert: Gute Exemplare werden heute für über 2,5 Millionen Dollar gehandelt, wobei Fahrzeuge mit geringer Laufleistung oder LM-Versionen deutlich höhere Preise erzielen.
Der F40 erinnert an eine Zeit, in der Sicherheitsvorschriften noch locker waren und das einzige Limit der Mut des Fahrers war. Er steht für das Ende einer Ära – das letzte, brutale Meisterwerk des alten Mannes, Enzo Ferrari. Er ist schlicht und einfach der größte Supersportwagen, der je gebaut wurde.