McLaren 720S
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720S

McLaren 720S

Der McLaren 720S verkörpert die perfekte Balance zwischen alltäglicher Benutzbarkeit und rennstreckenfokussierter Performance. Sein 4,0-Liter-Twin-Turbo-V8 produziert 720 PS (710 hp) und katapultiert dieses Carbonfaser-Meisterwerk in nur 2,9 Sekunden auf 100 km/h. Er ist das Destillat all dessen, was McLaren vom P1-Hypercar und vom 650S gelernt hat — ein Fahrzeug, das gleichzeitig ein komfortabler Alltagswagen und eine echte Rennstreckenwaffe ist.

Die Entstehung: Second Generation Super Series

Als McLaren den 720S im Jahr 2017 vorstellte, ersetzte er den 650S — selbst ein hoch angesehenes Fahrzeug — und musste einen Fortschritt darstellen, der eine neue Modellgeneration rechtfertigte. Die Ingenieure im McLaren Technical Centre in Woking lieferten keine bescheidene Evolution, sondern eine vollständige Neukonstruktion: neuer Motor, neue Chassis-Architektur, neue Aerodynamikphilosophie und ein substanziell überarbeitetes Fahrwerk.

Das Ergebnis war ein Fahrzeug, das in jeder messbaren Dimension schneller war, trotz gesteigerter Fähigkeiten leichter, und aerodynamisch dramatisch raffinierter — und das dabei ein Auto blieb, das sein Besitzer an einem Montagmorgen ohne Leidensbereitschaft zur Arbeit fahren könnte. Diese Kombination aus Leistung und Alltagstauglichkeit bleibt die bemerkenswerteste Leistung des 720S.

Der Motor: M840T V8

Der 720S verwendet den M840T-Motor — eine Weiterentwicklung des M838T V8, der den 650S angetrieben hat, aber substanziell überarbeitet. Die grundlegende Architektur ist dieselbe: ein 3.994 cm³ großer Twin-Turbo-V8 mit Trockensumpfschmierung und einem Flachkurbelgehäuse. Aber innerhalb dieser Architektur wurde nahezu alles verändert.

Turbolader: Die Zwillingsturbolader sind größer als jene im M838T, mit überarbeiteten Verdichter- und Turbinenradprofilen, die sowohl das Ansprechen bei niedrigen Drehzahlen als auch die Maximalleistung verbessern. Die Turbogehäuse sind aus Gusseisen für ein optimiertes Wärmemanagement gefertigt.

Kühlung: Ein einzigartiges Zweikammer-Kühlsystem verwendet einen Kreislauf für den Motor und einen separaten Kreislauf für die Ladeluft — die von den Turboladern verdichtete Luft. Die Kühlung der komprimierten Luft vor dem Einlass in den Motor erlaubt es, mehr Luft (und damit mehr Kraftstoff) ohne Vorentflammung zu verbrennen, was die Leistungsabgabe steigert.

Leistungsentfaltung: 720 PS (710 hp) bei 7.500 U/min und 770 Nm Drehmoment ab 5.500 U/min. Aber das Drehmoment steht viel früher bereit — die Twin-Turbo-Auslegung liefert bereits unter 2.000 U/min spürbaren Schub, was den Motor trotz seiner Spitzenleistung im Stadtverkehr problemlos handhabbar macht.

Klang: Der M840T ist kein Saugmotor und erzeugt nicht dieselben theatralischen Klänge wie ein Ferrari V8 oder ein Lamborghini V10. Aber er ist alles andere als charakterlos. Die Zwillingsturbolader erzeugen beim Gaswegnehmen ein charakteristisches Zischen und Pfeifen, und bei Vollgas baut sich der Motorklang von einem tiefen Grollen zu einem hartkantigen Aufheulen auf, das die Dringlichkeit der Beschleunigung kommuniziert.

Aerodynamische Exzellenz: Unsichtbare Aerodynamik

McLarens Philosophie beim 720S war es, maximale aerodynamische Wirkung mit minimaler visueller Störung zu erzeugen — was sie „unsichtbare Aerodynamik” nennen. Während Wettbewerber Flügel, Lufteinlässe und Schaufeln an die Außenhaut schrauben, sind die aerodynamischen Flächen des 720S so tief in die Karosserie integriert, dass eine oberflächliche Betrachtung nur wenig von dem verrät, was aerodynamisch geschieht.

Die Dihedraltüren: Das visuell markanteste Merkmal des 720S sind die Dihedraltüren — vorne scharniert und beim Öffnen nach oben und innen schwingend. Sie sind nicht bloß theatralisch. Die Türstruktur selbst ist Teil des aerodynamischen Managements des Fahrzeugs: Der Spalt zwischen Tür und Karosserie beim Öffnen ermöglicht es der Luft, die hinten montierten Kühler zu erreichen. Im geschlossenen Zustand bildet die Türfläche einen sorgfältig geformten Kanal, der den Luftstrom entlang der Fahrzeugseite steuert.

Versteckte Einlasskanäle: Luft gelangt zu den hinten montierten Kühlern durch Kanäle, die in die Dachpartie direkt hinter den Türausschnitten eingearbeitet sind — eine Anordnung, die nur bei genauer Betrachtung sichtbar ist. Dies ermöglicht es, die Flanken des Fahrzeugs sauber und glatt zu halten, was zum niedrigen Luftwiderstandsbeiwert beiträgt.

Aktiver Heckflügel: Der 720S verfügt über ein aktives hinteres Aerodynamikelement, das je nach Geschwindigkeit und Fahrmodus in drei Positionen arbeitet. In seiner angehobenen Position erzeugt er erheblichen Abtrieb für das Fahren auf der Rennstrecke. In seiner abgesenkten Position (bei Höchstgeschwindigkeit auf der Geraden) reduziert er den Luftwiderstand, um die maximal mögliche Endgeschwindigkeit zu ermöglichen. In der Bremsposition richtet er sich nahezu senkrecht auf und dient als Luftbremse, die die physischen Bremsen beim Verzögern unterstützt.

Gesamtbilanz: Der 720S erzeugt spürbaren Abtrieb ohne große feste Flügel oder offensichtliche aerodynamische Elemente, wie sie einige Wettbewerber kennzeichnen. Der integrierte Ansatz ist eleganter und nach McLarens Überzeugung auch effektiver.

Carbonfaser-Monocoque: MonoCage II

Das Chassis des 720S ist die MonoCage II — eine Weiterentwicklung des MonoCell-Carbonfaser-Monocoques, das den 650S trug, aber mit bedeutenden Neuerungen. Die MonoCage II erweitert die Carbonfaserstruktur nach oben und integriert den Windschutzscheibenrahmen sowie die A-Säulen in das Monocoque, anstatt eine separate Stahlstruktur an eine untere Carbonfaserwanne zu schrauben.

Dieser Ansatz bietet mehrere Vorteile:

Gewicht: Der 720S hat ein Trockengewicht von 1.283 kg — außerordentlich für ein Fahrzeug dieses Leistungsniveaus. Das gesamte Fahrzeug, einschließlich Motor, Getriebe, Räder und gesamter Innenausstattung, wiegt weniger als eine kompakte Familienlimousine. Dieser Gewichtsvorteil schlägt sich unmittelbar in Beschleunigung, Bremsleistung und Fahrverhalten nieder.

Steifigkeit: Die erweiterte Monocoque-Struktur bietet ausgezeichnete Torsionssteifigkeit — Widerstand gegen die Verwindungskräfte, die das Fahrwerk bei harten Kurvenfahrten erzeugt. Ein steiferes Chassis erlaubt eine präzisere Fahrwerksabstimmung, weil sich das Chassis nicht verwindet und die Fahrwerksgeometrie nicht beeinflusst.

Sicherheit: Die Carbonfaserstruktur, die die Insassen umgibt, ist bei Aufprällen außerordentlich fest. Das Crashverhalten des 720S in NCAP- und Herstellertests zeigt, dass die MonoCage II trotz ihres geringen Gewichts ein sehr hohes Maß an Insassenschutz bietet.

Proactive Chassis Control II: Das Fahrwerk

Der 720S verwendet McLarens Proactive Chassis Control II (PCC II) — ein hydraulisch vernetztes Fahrwerksystem, das die Dämpfer aller vier Räder über einen gemeinsamen Hydraulikkreis verbindet.

In einem konventionellen Fahrwerk arbeitet der Dämpfer jedes Rades unabhängig. Bei harter Kurvenfahrt komprimieren die äußeren Räder und die inneren Räder dehnen sich aus, was Wankbewegungen erzeugt. Bei starkem Bremsen taucht das Fahrzeug vorne ein, während es hinten anhebt. Diese Reaktionen lassen sich mit steiferen Federn und Dämpfern reduzieren, aber eine steifere Federung beeinträchtigt den Fahrkomfort auf normalen Straßen.

PCC II geht anders vor. Durch die hydraulische Vernetzung der Dämpfer kann das System Wank- und Nickbewegungen unterdrücken, ohne steife Federn zu benötigen — der Hydraulikkreis übernimmt die Wankstabilisierung, die andernfalls mechanische Stabilisatoren erfordern würde. Das Ergebnis ist ein Fahrzeug, das mit relativ weichen Federn (für Fahrkomfort) aufgebaut werden kann, während es in Kurven dennoch Wankbewegungen widersteht (durch die hydraulische Vernetzung).

Variable Drift Control: Der 720S verfügt über Variable Drift Control — ein System, das dem Fahrer erlaubt, auf der Rennstrecke ein präzises Maß an Radschlupf und Übersteuern einzustellen. Anstatt die Traktionskontrolle einfach abzuschalten, bietet VDC eine abgestufte Reaktion, die den Fahrer bei extremen Schräglaufwinkeln unter Kontrolle hält. Es ist die Art von System, das einen fähigen Sportwagen von einem wirklich ausnutzbaren Rennstreckenwerkzeug unterscheidet.

Alltagstauglichkeit: Der 720S als praktische Proposition

Im Gegensatz zu vielen Supercars — besonders jenen aus Italien — ist der 720S tatsächlich als Alltagsfahrzeug nutzbar. Das ist keine Marketingsprache; es spiegelt bewusste Ingenieurentscheidungen wider.

Fahrwerkskomfort: Im sanftesten Modus (Comfort) bietet das PCC II eine Fahrqualität, die auf typischen Straßen wirklich komfortabel ist. Das Fahrwerk nimmt Unebenheiten und Bodenwellen auf, ohne harte Stöße an die Insassen weiterzugeben. Dieses Niveau an Fahrkomfort in einem 720-PS-Fahrzeug ist bemerkenswert.

Sicht: Die großen Glasflächen des 720S bieten eine gute Vorwärtssicht. Die hintere Dreiviertelperspektive — bei vielen Supercars notorisch schlecht — wird durch eine Rückfahrkamera unterstützt. Das Einparken ist machbar.

Kofferraumraum: Es gibt zwei Gepäckbereiche — ein kleines vorderes Fach hinter der Vorderachslinie und einen relativ großzügigen Raum hinter den Sitzen. Keiner ist geräumig, aber beide sind für das Gepäck eines Wochenendes nutzbar.

Zuverlässigkeit: McLaren hat seit den wiederkehrenden Problemen, die frühe P1- und 12C-Besitzer betrafen, intensiv in die Verbesserung der Zuverlässigkeit seiner Straßenfahrzeuge investiert. Der M840T-Motor des 720S ist eine bewährte Einheit, und die Systemarchitektur des Fahrzeugs wurde durch die 650S- und 570S-Programme verfeinert. Moderne McLarens sind deutlich zuverlässiger, als der Ruf des Unternehmens aus den frühen 2010er Jahren vermuten ließe.

Fazit

Der McLaren 720S beweist, dass man keinen Saugmotor braucht, um einen emotionalen, fesselnden Supercar zu schaffen. Seine Kombination aus turbogeladener Leistung, aerodynamischer Raffinesse, Carbonfaserkonstruktion und alltäglicher Nutzbarkeit macht ihn zu einem der vollständigsten jemals gebauten Supercars — einem Fahrzeug, das alles sein kann, vom komfortablen Langstreckenreisewagen bis zur schnellsten Rundenzeit-Maschine seiner Klasse, ohne Kompromisse und ohne Opfer. Er ist der definitive Ausdruck von McLarens Straßenfahrzeugphilosophie und eines der besten Fahrerautos der modernen Ära.