McLaren P1 GTR
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P1 GTR

McLaren P1 GTR: Der 1.000-PS-Hybrid für die Rennstrecke

Im Jahr 1995 verblüffte McLaren die Welt des Motorsports, als der F1 GTR (ein leicht modifiziertes Straßenauto) das prestigeträchtige 24-Stunden-Rennen von Le Mans beim ersten Versuch souverän gewann und die reinrassigen Prototypen deklassierte. Exakt zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2015, beschloss McLaren, dieses goldene Jubiläum zu ehren. Das damalige Flaggschiff, das Hybrid-Hypercar P1, sollte die GTR-Behandlung erhalten.

Das Ergebnis war der McLaren P1 GTR.

Im Gegensatz zu seinem Urahn aus den 90ern war der P1 GTR jedoch niemals dazu gedacht, in Le Mans oder in einer anderen offiziellen Rennserie (wie der FIA WEC) anzutreten. Die modernen Homologationsregeln machten den Einsatz von 1.000 PS starken Hybrid-Hypercars in GT-Klassen schlichtweg unmöglich. Der P1 GTR war stattdessen die kompromissloseste Interpretation eines “Track-Day-Cars” – ein Fahrzeug, das ausschließlich für eine extrem kleine, extrem wohlhabende Elite gebaut wurde, um auf privaten Rennstrecken-Events an die absoluten physischen Grenzen der Fahrphysik zu gehen.

Da die Ingenieure keine Straßenzulassung und kein Rennreglement (Balance of Performance) beachten mussten, konnten sie die aerodynamischen und elektrischen Fesseln des Straßen-P1 komplett sprengen.

Der Antrieb: Die Magie der 1.000 PS

Das Hybrid-Antriebskonzept des P1 (IPAS - Instant Power Assist System) war bereits auf der Straße furchteinflößend. Für den GTR wurde dieses System auf eine magische Grenze getrieben.

Der 3,8-Liter-V8-Biturbomotor (M838T) mit Flat-Plane-Kurbelwelle wurde massiv überarbeitet. Durch modifizierte Turbolader, schärfere Nockenwellen und eine komplett offene Inconel- und Titanlegierungs-Abgasanlage (ohne Katalysatoren oder Schalldämpfer) stieg die Leistung des reinen Verbrenners auf 800 PS (73 PS mehr als auf der Straße).

Der leichtere und effizientere Elektromotor wurde ebenfalls neu kalibriert und steuerte nun zusätzliche 200 PS bei.

Zusammengeschaltet produzierten diese beiden Kraftquellen exakt 1.000 PS (735 kW). Das System war perfekt darauf abgestimmt, Turbolöcher auszulöschen (Torque Fill). Der Elektromotor riss den Wagen beim Kurvenausgang mit brutalem Drehmoment nach vorne, exakt bis zu dem Punkt, an dem die massiven Turbolader des V8-Motors ihren vollen Ladedruck aufgebaut hatten.

Gekoppelt war das System an ein verstärktes 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, das die Kraft an die Hinterräder weitergab. Eine Push-to-Pass-Taste (IPAS-Button) am Lenkrad entfesselte wie in der Formel 1 kurzzeitig die volle elektrische Zusatzleistung zum Überholen.

Leichtbau: 50 Kilogramm weniger Luxus

Trotz der massiven aerodynamischen Anbauteile und der schweren Hybridbatterie (die tief im Monocoque hinter den Sitzen platziert war) gelang es McLaren, das Fahrzeuggewicht im Vergleich zum Straßen-P1 um 50 Kilogramm zu reduzieren. Das Trockengewicht des P1 GTR lag bei knapp 1.345 Kilogramm (Leistungsgewicht: 1,34 kg/PS).

Erreicht wurde dies durch eine radikale Entkernung:

  • Die Glasscheiben wichen dünnem, kratzfestem Polycarbonat (mit winzigen Schiebefenstern in den Türen).
  • Das proaktive, hydraulische Fahrwerk des Straßenautos (das für Komfort sorgte) wurde komplett durch ein konventionelles, mechanisches Rennsportfahrwerk mit fixierter, extrem tiefer Trimmlage ersetzt.
  • Im Cockpit entfielen Klimaanlage (später oft auf Kundenwunsch wieder eingebaut), Navigationssystem und Teppiche. Der Fahrer saß in einer fest mit dem Carbon-Chassis verschraubten DTM-Rennschale (mit 6-Punkt-Gurt). Das Lenkrad war eine exakte Nachbildung des Lenkrads aus dem MP4-23 Formel-1-Weltmeisterauto von Lewis Hamilton aus dem Jahr 2008.

Die gesamte Auspuffanlage bestand aus einer Inconel-Titan-Legierung, sparte satte 6,5 Kilogramm und entließ die Abgase durch zwei markante, massive, blaue Titan-Endrohre mittig am Heck.

Aerodynamik: Abtrieb in LMP1-Dimensionen

Da McLaren bei diesem Track-Tool keine Rücksicht auf Bodenwellen oder Fußgängerschutz nehmen musste, eskalierte das Aerodynamik-Paket völlig.

  • Die Front: Der Wagen wurde um satte 50 Millimeter tiefergelegt. Die Frontpartie zeichnete sich durch einen gigantischen, festen Carbon-Splitter aus, der so weit nach vorne ragte, dass er eine herkömmliche Straßenzulassung unmöglich machte. Zusammen mit neuen, aggressiven Dive Planes (Finnen) an der Seite der Schürze generierte die Front massiven Anpressdruck.
  • Die Flanken: Der GTR war vorne um 80 Millimeter breiter (breitere Spurweite). Die Außenspiegel wanderten von den Türen auf die A-Säule, um den Luftstrom zu den seitlichen Hochtemperatur-Kühlern zu verbessern. Anstelle von Straßenreifen nutzte der P1 GTR gewaltige Pirelli-Slicks auf 19-Zoll-Zentralverschlussfelgen. Ein integriertes, pneumatisches Lufthebesystem (Air Jacks) ermöglichte schnelle Reifenwechsel in der Boxengasse.
  • Das Heck: Das Herzstück der Aerodynamik. Der aktive (einfahrbare) Heckflügel des Straßen-P1 wurde durch einen massiven, feststehenden Carbon-Heckflügel ersetzt. Dieser thronte 400 Millimeter über dem Heck und wurde durch hydraulisch verstellbare Pylonen gehalten.

Trotz seiner Feststellung behielt der Flügel sein DRS (Drag Reduction System). Drückte der Fahrer einen Knopf am Lenkrad, veränderte der Flügel (von 32 Grad auf 0 Grad) seinen Anstellwinkel, was den Luftwiderstand auf den langen Geraden (wie der Döttinger Höhe auf der Nordschleife) drastisch reduzierte. Trat man auf die Bremse, klappte er als Airbrake steil in den Wind.

In Kombination mit dem massiven Heckdiffusor und den aerodynamischen Blades hinter den Vorderrädern generierte der P1 GTR bei 240 km/h gewaltige 660 Kilogramm Abtrieb (Downforce) – 10 % mehr als die Straßenversion.

Leistung: Hypercar-Eskalation

Die Fahrleistungen des P1 GTR auf Slicks entzogen sich für einen normalen Fahrer fast der Begreifbarkeit. Der Sprint von 0 auf 100 km/h (62 mph) war in extremen 2,4 Sekunden erledigt (ein reines Traktionsthema).

Noch gewaltiger war die Verzögerung und Kurvengeschwindigkeit. Die Carbon-Keramik-Bremsscheiben brachten das Auto mit derartiger Gewalt zum Stehen, dass der Fahrer Fliehkräfte erlebte, die normalerweise nur in Formel-Rennwagen auftreten. Die Höchstgeschwindigkeit wurde (aerodynamisch limitiert durch den gigantischen Flügel) auf 349 km/h (217 mph) begrenzt.

Das Fahrerlebnis war roh, laut und physisch extrem anstrengend. Der Sound des offenen V8-Biturbos war ohrenbetäubend, während die Hitze des Triebwerks und der Batterie trotz der fehlenden Dämmung die Kabine aufheizte.

Das GTR-Fahrerprogramm: Eine Ausbildung zum Rennfahrer

Der McLaren P1 GTR war mehr als nur ein Auto; er war ein All-inclusive-Erlebnis. Wer das Auto für ca. 2,5 Millionen Euro (vor Steuern) kaufte (und man musste zwingend bereits einen normalen P1 besitzen, um überhaupt auf die Käuferliste zu kommen), erwarb gleichzeitig das Eintrittsticket in das “McLaren P1 GTR Driver Programme”.

Dieses Programm war exakt so aufgebaut wie die Ausbildung eines Formel-1-Fahrers. Die Kunden durchliefen ein intensives Fitnessprogramm im McLaren Technology Centre in Woking. Sie trainierten im Millionen teuren, professionellen Formel-1-Simulator, um die Strecken kennenzulernen. Danach reisten sie zu exklusiv gemieteten, privaten Track-Days auf den berühmtesten Rennstrecken der Welt (wie Spa, Silverstone, Austin oder Yas Marina). Bei jedem Event wurde der Kunde von seinem persönlichen Renningenieur, Datenanalysten, Mechanikern und Physiotherapeuten betreut. Das Ziel war es, aus wohlhabenden Amateuren fähige Rennfahrer zu machen, die das enorme Potenzial des Autos überhaupt sicher abrufen konnten.

Exklusivität und die Lanzante-Konvertierungen

McLaren produzierte exakt 58 Exemplare des P1 GTR (und hielt sich damit nicht ganz an die ursprüngliche Ankündigung, die Produktion extrem knapp zu halten).

Doch wie es bei solchen extremen Track-Tools fast immer der Fall ist, wollten einige Kunden ihr 1.000-PS-Spielzeug nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch auf öffentlichen Straßen zur Schau stellen. Das britische Motorsportunternehmen Lanzante Motorsport (das 1995 den siegreichen F1 GTR in Le Mans eingesetzt hatte) sprang ein und bot einen extrem teuren Umbau an.

Sie rüsteten zahlreiche P1 GTR nachträglich mit Katalysatoren, Handbremsen, geänderten Fahrwerken und Profilreifen aus, um sie in Europa für den normalen Straßenverkehr (als P1 LM oder straßenzugelassene GTR) zu homologieren.

Der McLaren P1 GTR bleibt ein Monument in der Geschichte der Marke. Er war der absolute Höhepunkt der hybriden “Holy Trinity”-Ära (P1, LaFerrari, 918 Spyder). Er demonstrierte eindrucksvoll, was passierte, wenn ein Formel-1-Team beschloss, ein Hybrid-Hypercar völlig ohne die Fesseln der Straßenzulassung zu bauen: ein furchteinflößendes, pfeilschnelles Meisterwerk für den Bruchteil eines Prozentes.