McLaren Senna GTR: Die radikale Befreiung des Rennwagens
Wenn McLaren den Namen “Senna” (zu Ehren des legendären, dreimaligen Formel-1-Weltmeisters Ayrton Senna) für ein Auto verwendet, ist die Botschaft klar: Kompromisslosigkeit. Der straßenzugelassene McLaren Senna aus dem Jahr 2018 war bereits das extremste, aerodynamisch fokussierteste und auf der Rennstrecke schnellste Auto, das das Unternehmen jemals mit Nummernschildern verkauft hatte. Er ordnete jede Faser seines Designs dem Abtrieb (Downforce) und der Rundenzeit unter.
Doch selbst ein Auto wie der Senna ist auf der Straße an Regeln gebunden. Fußgängerschutz, Lärmvorschriften, Bodenfreiheit und Abgasnormen zwingen die Ingenieure zu aerodynamischen und motorischen Kompromissen. Was passiert also, wenn man das extremste Straßenauto der Welt nimmt und ihm exakt jene drei Buchstaben anfügt, die McLaren seit dem legendären F1-Le-Mans-Sieger von 1995 für seine ultimativen, nicht straßenzugelassenen Track-Tools reserviert hat?
Die Antwort lautet: McLaren Senna GTR.
Der 2019 präsentierte Senna GTR ist ein Fahrzeug, das jenseits von Gut und Böse operiert. Er ist weder für die Straße zugelassen, noch erfüllt er (aufgrund seiner zu extremen Leistung und Aerodynamik) die Homologationsregeln irgendeiner offiziellen Rennserie (wie der FIA GT3). Er wurde ausschließlich für eine winzige Elite von 75 Kunden gebaut, um auf privaten Track-Days alles in den Schatten zu stellen, was nicht mindestens ein LMP1-Prototyp oder ein Formel-1-Rennwagen ist.
Aerodynamik am Limit: 1.000 Kilogramm Abtrieb
Das Design des Senna GTR ist keine Frage der Ästhetik, sondern reine Physik. Da die Ingenieure unter der Leitung von Dan Parry-Williams keine Straßenzulassungsvorschriften beachten mussten, eskalierte das Aerodynamikpaket völlig.
- Die Front: Der ohnehin schon massive Frontsplitter des Straßen-Senna wurde im GTR durch ein absurd großes, weit nach vorn ragendes Carbon-Schwert ersetzt. Dieses Element krallt sich in den Fahrtwind und lenkt ihn zusammen mit riesigen seitlichen Finnen (Dive Planes) gezielt über und unter das Auto, um massiven Anpressdruck an der Vorderachse aufzubauen. Die Spurweite vorne wuchs um gewaltige 77 Millimeter.
- Die Flanken: Der GTR ist extrem tief und wurde aerodynamisch bereinigt. Die aktiven Aero-Blades des Straßenautos in der Front wichen aus Gewichtsgründen feststehenden Elementen.
- Das Heck: Hier wird der GTR geradezu furchteinflößend. Der gigantische, aktive Carbon-Heckflügel (mit LMP1-inspirierten Endplatten, die tief in den massiven Diffusor hineinreichen, um die Luftströme zu kanalisieren) wurde nach hinten verschoben und vergrößert. Wie in der Formel 1 verfügt der Flügel über ein DRS (Drag Reduction System). Auf Knopfdruck klappt der Flügel flach, um auf langen Geraden den Luftwiderstand zu eliminieren. Beim harten Bremsen stellt er sich jedoch in Sekundenbruchteilen fast senkrecht auf und fungiert als monumentale Airbrake.
- Abtrieb (Downforce): Das Resultat dieser aero-dynamischen Exzesse ist ein Abtrieb von unfassbaren 1.000 Kilogramm (1 Tonne). Das bedeutet: Bei hohen Geschwindigkeiten drückt sich das Auto mit einem Gewicht, das fast seinem eigenen Leergewicht entspricht, zusätzlich auf den Asphalt. Der GTR generiert bei gleicher Geschwindigkeit ca. 20 % mehr Abtrieb als das bereits extreme Straßenauto.
Fahrwerk: GT3-Rennsport für Amateure
Um diesen absurden aerodynamischen Anpressdruck physikalisch verarbeiten zu können, ohne dass das Chassis auf dem Boden schleift, musste das Fahrwerk radikal ausgetauscht werden.
Das komplexe, proaktive hydraulische Fahrwerk (PCC II) des Straßen-Senna wurde für den GTR komplett verworfen. Es war für reine Rennstrecken-Belastungen zu schwer und zu komplex. Stattdessen verbaute McLaren ein rein mechanisches, konventionelles GT3-Motorsport-Fahrwerk.
Das Auto nutzt extrem steife, 4-fach einstellbare Öhlins-Rennsportdämpfer, massive Stabilisatoren und feste Federraten. Das System ist zwar unkomfortabel, aber unglaublich präzise, fehlerverzeihend abstimmbar und leichter.
Die Räder (19 Zoll vorne und hinten) sind geschmiedete Zentralverschlussfelgen, auf die extrem klebrige, profillose Pirelli-Slicks montiert sind. Diese Slicks, gepaart mit den 1.000 kg Abtrieb und dem Carbon-Chassis, ermöglichen Kurvengeschwindigkeiten und laterale Beschleunigungen von über 1,5 G, die dem Fahrer körperlich extrem viel abverlangen.
Um das Fahrzeugs im Notfall verzögern zu können, griff McLaren in das oberste Regal der Brembo-Rennsportabteilung: Massive Carbon-Keramik-Scheiben (die eine spezielle Formel nutzen, um die Hitzeableitung zu maximieren) und ein ABS, das speziell auf Slicks kalibriert wurde, lassen den GTR so brachial ankern, dass die Augen der Insassen regelrecht nach vorn gedrückt werden.
Das Herzstück: Der M840TR V8-Biturbo atmet frei
Unter der Carbon-Motorabdeckung (und der markanten Dachhutze/Schnorchel, die den Motor beatmet) pocht der bewährte 4,0-Liter-V8-Biturbomotor (M840TR) mit Flat-Plane-Kurbelwelle aus der Ultimate Series.
Da McLaren beim GTR weder auf Lärm- noch auf Abgasvorschriften der Straße (oder auf die Luftmengenbegrenzer der FIA GT3-Klasse) Rücksicht nehmen musste, durfte der V8 frei atmen.
Die Ingenieure entfernten die sekundären Katalysatoren und verbauten ein komplett offenes, unfassbar lautes Inconel- und Titan-Abgassystem. Anstatt (wie beim Straßenauto) nach oben in den Himmel zu zeigen (“Top-Exit”), führen die Auspuffrohre des GTR seitlich unter dem Heckflügel ins Freie, was die Strömung des Diffusors und des Flügels aerodynamisch weniger stört.
Die Leistung stieg durch dieses System und eine radikale Neuprogrammierung des Motormanagements auf brachiale 825 PS (607 kW). Das maximale Drehmoment blieb bei wuchtigen 800 Nm.
Zusammen mit einem Trockengewicht von lediglich 1.188 Kilogramm (durch den konsequenten Verzicht auf Luxus) ergab sich ein Leistungsgewicht von absurden 1,44 kg/PS. Das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (SSG) wurde für den GTR mit noch aggressiveren, kürzeren Schaltzeiten (und der “Inertia Push”-Technologie) versehen, die jeden Gangwechsel unter Volllast wie einen Hammerschlag ins Rückgrat hämmern.
Leistung: Hypercar-Schreck auf der Strecke
Die Fahrleistungen des Senna GTR lassen sich kaum in traditionellen “0 auf 100”-Werten messen (die aufgrund der Traktion der Heckantriebsachse ohnehin “nur” bei etwa 2,7 Sekunden liegen).
Die wahre Dominanz dieses Fahrzeugs zeigt sich auf Rundkursen (wie Spa, Silverstone oder dem Nürburgring). Dort ist der GTR durch seine massiven Kurvengeschwindigkeiten, die Slicks und den 825-PS-Saugmotor-ähnlichen Antritt des V8-Biturbos so unfassbar schnell, dass er fast alle straßenzugelassenen Hypercars der Welt (inklusive des P1) in Grund und Boden fährt. Die Höchstgeschwindigkeit wird aerodynamisch auf knapp 340 km/h (211 mph) geschätzt, bevor der gigantische Heckflügel zu viel Luftwiderstand erzeugt.
Das Cockpit: Ein LMP-Arbeitsplatz
Das Interieur des Senna GTR ist ein nackter, lauter und feindseliger Carbon-Bunker. Der Beifahrersitz (eine ultraleichte Carbon-Schale mit 6-Punkt-Gurt) war aufpreispflichtig. Es gibt keine Klimaanlage, keine Teppiche, keine Airbags und keine normalen Türschlaufen.
Der Fahrer blickt auf ein extrem aufgeräumtes, digitales Rennsport-Display und greift an ein abnehmbares Multifunktions-Lenkrad (ähnlich einem GT3-Auto), über das er DRS, Boxenfunk und Pit-Limiter steuert. Ein integriertes Telemetriesystem zeichnet jede Rundenzeit, jeden Bremspunkt und jede G-Kraft auf, damit der Fahrer seine Leistung analysieren kann. Zum Ein- und Aussteigen über die extrem breiten Carbon-Schweller (die im GTR noch wuchtiger sind als im Straßenauto) benötigt der Pilot fast akrobatische Fähigkeiten.
Exklusivität: Der Club der 75
Der McLaren Senna GTR war von vornherein als streng limitiertes, ultra-exklusives Track-Tool konzipiert. Es wurden exakt 75 Exemplare gebaut (alle Linkslenker).
Der Basispreis lag bei atemberaubenden 1,1 Millionen Pfund (ca. 1,3 Millionen Euro) vor Steuern. Und obwohl das Auto nirgendwo offiziell auf der Straße gefahren oder in einer Rennserie eingesetzt werden darf, war die gesamte Auflage innerhalb von Wochen restlos ausverkauft. (Später ließ der Spezialist Lanzante einige wenige dieser GTRs nachträglich extrem aufwendig für astronomische Summen für die Straße homologieren – die berühmten “Senna GTR LM”).
Der McLaren Senna GTR ist ein Meisterwerk der reinen Performance. Er ist das Auto, das entsteht, wenn man Ingenieure bittet, das absolute Maximum an Rundenzeit aus der 4.0-Liter-V8-Plattform herauszuquetschen, ohne Rücksicht auf die Regeln der Menschheit nehmen zu müssen. Er ist laut, furchteinflößend und unendlich schnell – der Name Ayrton Senna wurde noch nie würdiger auf einer Rennstrecke getragen.