McLaren Solus GT
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Solus GT

McLaren Solus GT: Die Realisierung eines virtuellen Traums

Die Entstehungsgeschichte von Hypercars folgt normalerweise strengen Mustern: Designstudien, Windkanal-Tests, Erlkönig-Fahrten und schließlich die Serienproduktion. Doch beim McLaren Solus GT lief alles völlig anders. Seine Geschichte begann nicht in einem Ingenieursbüro in Woking, sondern in den Serverfarmen von Polyphony Digital, den Entwicklern der legendären Videospiel-Reihe Gran Turismo.

Im Jahr 2017 entwarf McLaren exklusiv für das Spiel Gran Turismo Sport ein radikales, futuristisches Konzeptfahrzeug: den “McLaren Ultimate Vision Gran Turismo”. Es war ein Einsitzer (Single-Seater) ohne jegliche Kompromisse für Straßenzulassungen oder Rennserien-Reglements, entworfen, um die Spieler mit absurd schnellen Rundenzeiten zu faszinieren. Normalerweise bleiben solche “Vision GT”-Konzepte für immer in der digitalen Welt gefangen.

Doch McLaren entschied sich für das Unvorstellbare: Sie bauten das Videospiel-Auto für die echte Welt.

Auf der Monterey Car Week 2022 wurde der Solus GT (benannt nach dem lateinischen Wort für “allein” oder “einzigartig”) enthüllt. Es ist ein Fahrzeug, das jenseits von Straßenzulassungen operiert. Es ist ein reines, kompromissloses Track-Tool für 25 handverlesene Kunden, das die Fahrphysik eines Formel-1-Autos mit dem schreienden Sound eines LMP-Rennwagens kombiniert.

Das Design: Die Kanzel eines Kampfjets

Der Solus GT sieht aus wie absolut nichts anderes, was McLaren (oder irgendein anderer Hersteller) jemals gebaut hat. Das Design ist stark von der Aerodynamik von Hochgeschwindigkeits-Prototypen diktiert und wurde direkt vom virtuellen Modell übernommen.

Das auffälligste Merkmal ist die zentrale Fahrerkabine, die an einen Jet-Fighter erinnert. Anstelle von Türen verfügt der Solus GT über eine Gleitkanzel (Canopy), die auf Knopfdruck nach vorne und oben gleitet, um dem einzigen Insassen den Einstieg zu ermöglichen.

Die Räder sind nicht in eine klassische Karosserie integriert, sondern in tropfenförmigen, aerodynamischen “Pods” verkleidet, die mit massiven Carbon-Querlenkern am extrem schmalen Rumpf des Fahrzeugs befestigt sind. Dies reduziert den Luftwiderstand drastisch und leitet die Strömung effizient über die Flanken zu den seitlichen Kühlern.

Das Heck wird von einem gewaltigen, feststehenden Heckflügel dominiert, der in Kombination mit einem extrem großen, mehrteiligen Diffusor atemberaubenden Abtrieb (Downforce) generiert. Ein Lufthutzen (Schnorchel) auf dem Dach saugt die Ansaugluft direkt über dem Kopf des Fahrers ein und leitet sie in den massiven Motorraum. Ein charakteristischer “Halo”-Überrollschutz aus Carbon, ähnlich wie in der Formel 1, schützt den Piloten.

Das Herzstück: Der kreischende 5,2-Liter-V10-Saugmotor

Während McLaren seine gesamten Straßenautos und Track-Tools der letzten Dekade (vom MP4-12C bis zum Senna GTR) ausschließlich mit V8-Biturbo-Motoren befeuerte, vollzogen sie beim Solus GT eine absolute Kehrtwende.

Um das emotionale Fahrerlebnis (und den Sound) eines klassischen Rennwagens zu reproduzieren, verzichteten sie auf Turbolader und Hybridtechnik. Stattdessen beauftragten sie den renommierten britischen Motorenbauer Judd (berühmt für Formel-1- und Le-Mans-Triebwerke) mit der Konstruktion eines maßgeschneiderten Motors.

Das Ergebnis ist ein 5,2-Liter-V10-Saugmotor, der in seiner Bauart und seinem Layout direkt aus dem reinen Motorsport stammt. Der Motorblock ist aus extrem leichtem Aluminium gegossen, verfügt über nockenwellengetriebene Zahnräder anstelle von Ketten oder Riemen und besitzt keine Ausgleichswellen.

Das Beeindruckendste an diesem V10 ist jedoch seine Drehzahl: Er kreischt bis zu ohrenbetäubenden 10.000 U/min und produziert dabei mehr als 840 PS. Das maximale Drehmoment liegt bei rund 650 Nm. Da der Motor keine Turbolader antreiben muss, ist das Ansprechverhalten auf Gaspedalbefehle rasiermesserscharf und extrem aggressiv.

Gekoppelt ist das Triebwerk an ein sequenzielles, quer eingebautes 7-Gang-Motorsportgetriebe (mit geradverzahnten Rädern), das direkt in das Carbon-Chassis integriert ist und extrem brutale, ultraschnelle Gangwechsel über Carbon-Schaltwippen ermöglicht. Wie in der Formel 1 dient die Getriebeglocke als tragendes Element für die hintere Radaufhängung, was enorm Gewicht spart.

Leichtbau und Aerodynamik: Eine Tonne Auto, eine Tonne Abtrieb

Der Solus GT basiert auf einem völlig neu entwickelten Kohlefaser-Monocoque, das speziell für dieses Ein-Sitz-Layout konstruiert wurde.

Da McLaren keine schweren Klimaanlagen, Infotainmentsysteme, Beifahrersitze, Airbags oder komplexe Abgassysteme für Straßenzulassungen einbauen musste, wurde der Leichtbau auf die Spitze getrieben. Das fahrfertige Zielgewicht des Wagens (inklusive Flüssigkeiten) liegt bei unter 1.000 Kilogramm.

Dem gegenüber steht eine aerodynamische Effizienz, die die eines LMP1-Prototyps erreicht. Die Kombination aus Frontsplitter, Unterboden-Tunneln, Aero-Pods und dem gewaltigen Doppel-Element-Heckflügel generiert bei Topspeed über 1.200 Kilogramm aerodynamischen Abtrieb (Downforce).

Das bedeutet: Der Solus GT erzeugt mehr Abtrieb, als er selbst wiegt. In der Theorie könnte er bei hoher Geschwindigkeit kopfüber an der Decke eines Tunnels fahren.

Das Fahrwerk besteht aus rennsportmäßigen doppelten Querlenkern rundum, innenliegenden Pushrod-Dämpfern (vorne) und Pullrod-Dämpfern (hinten), die über Torsionsstäbe miteinander verbunden sind. Mechanische Stabilisatoren und eine rein hydraulische, schwergängige Lenkung sorgen für ein unerbittlich direktes Fahrerlebnis. Die Reifen sind profillose Slicks (LMP-Spezifikation). Gebremst wird das Hypercar von gewaltigen, belüfteten Carbon-Carbon-Bremsscheiben (einem Material, das hitzebeständiger ist als herkömmliche Carbon-Keramik) mit 6-Kolben-Aluminium-Monoblock-Sätteln.

Leistung: Rundenzeiten als Währung

Die Kombination aus 840 PS, extrem kurzem Getriebe, massiven Slicks und weniger als 1.000 kg Gewicht katapultiert den Solus GT auf ein Leistungsniveau, das dem eines modernen Formel-Wagens sehr nahe kommt:

  • Beschleunigung 0-100 km/h (62 mph): 2,5 Sekunden (ein Wert, der fast ausschließlich von der Traktion der Hinterräder limitiert wird).
  • Höchstgeschwindigkeit: über 322 km/h (200 mph) – ein Wert, der bewusst durch den extremen Luftwiderstand der riesigen Flügel limitiert wird, um in Kurven maximale G-Kräfte aufzubauen.

Das Fahrerlebnis im Solus GT ist nicht mit dem in einem gewöhnlichen Straßenauto vergleichbar. Der Pilot sitzt in einer exakt an seinen Körper angepassten Carbon-Schale (die fest mit dem Monocoque verschraubt ist), die Pedalerie lässt sich elektrisch verstellen. Das rechteckige Formel-1-Lenkrad, das alle Bedienelemente und das einzige digitale Instrumentendisplay beherbergt, liefert dem Fahrer telemetrische Daten in Echtzeit. Ein Überrollbügel aus 3D-gedrucktem Titan und das Halo-System schützen den Kopf.

Da es keinen Innenspiegel gibt (hinter dem Fahrer sitzt der schreiende V10-Motor), liefert eine Weitwinkel-Kamera im Heck ein Live-Bild auf einen kleinen Bildschirm im Cockpit.

Exklusivität: Der Club der 25

Der McLaren Solus GT ist ein absolutes Einhorn in der Hypercar-Welt. Die Produktion war auf exakt 25 Exemplare limitiert, und alle Fahrzeuge waren bereits vor der offiziellen Enthüllung an die treuesten (und finanziell potentesten) McLaren-Stammkunden verkauft.

Der Stückpreis lag laut Insidern bei gut 3 Millionen Pfund (vor Steuern und MSO-Individualisierungen).

Doch der Kaufpreis deckte nicht nur das Fahrzeug ab. Ähnlich wie beim F1 GTR oder dem Senna GTR kaufte der Kunde ein “Full-Factory-Racing-Experience”. Jeder der 25 Besitzer durchlief ein professionelles Sitz-Fitting (Seat-Fitting), bei dem der Sitz exakt auf seinen Körper gegossen wurde. Sie erhielten einen maßgeschneiderten, FIA-homologierten Rennanzug, Helm und HANS-System. Zudem organisierte McLaren exklusive Track-Days auf den besten Rennstrecken der Welt, bei denen die Kunden von professionellen Renningenieuren, Mechanikern und Fahrinstruktoren betreut wurden, um das volle Potenzial dieses V10-Monsters sicher ausschöpfen zu können.

Der Solus GT ist der vielleicht extremste physikalische Beweis dafür, dass die Grenzen zwischen virtueller Simulation (Videospiel) und realer, mechanischer Hypercar-Performance im 21. Jahrhundert fast vollständig verschwunden sind. Er ist das radikalste Auto, das McLaren seit dem legendären F1 gebaut hat.