Mercedes-AMG One: Formel 1 auf öffentlichen Straßen
Die Prämisse klingt unmöglich. Man nehme das vollständige Antriebssystem eines Formel-1-Weltmeisterschaftswagens — den tatsächlichen Motor, die tatsächlichen Energierückgewinnungssysteme, die eigentlichen MGU-H- und MGU-K-Einheiten — und verbaue all das in einem Straßenfahrzeug. Dieses Straßenfahrzeug soll die EU6-Abgasnormen erfüllen. Es soll bei 50 km/h im Stadtverkehr fahrbar sein. Es soll straßenzugelassen sein.
Mercedes-AMG kündigte das Projekt „One” im Jahr 2017 mit genau dieser Prämisse an und versprach die Auslieferung an Kunden innerhalb von zwei Jahren. Die technischen und regulatorischen Herausforderungen erwiesen sich als so tiefgreifend, dass die Kunden ihre Fahrzeuge erst Mitte 2022 erhielten — fünf Jahre später als versprochen und rund sieben Jahre nach dem Beginn der ersten Entwicklungsarbeiten. Die Verzögerung war keine Inkompetenz; sie war die unvermeidliche Folge des Versuchs, etwas genuines Historisches zu wagen, das in der Geschichte des Automobils keinen Präzedenzfall hatte.
Der Mercedes-AMG One ist das Ergebnis. Er ist, ohne jede Einschränkung, das komplexeste und technologisch fortschrittlichste Serienfahrzeug, das jemals produziert wurde. Was er erreicht — die Homologation eines buchstäblichen F1-Antriebssystems für den Straßenverkehr — wird sich möglicherweise nie wiederholen.
Die F1-Antriebseinheit: Eine Architektur, die Weltmeisterschaften gewann
Der Motor im Herzen des AMG One ist nicht „von der Formel 1 inspiriert”, nicht „parallel zur F1-Technologie entwickelt” und nicht mit „Erkenntnissen aus der Formel 1 entstanden”. Es handelt sich um das echte Mercedes-AMG-Petronas-Formel-1-Antriebssystem der siegreichen W06- und W07-Fahrzeuge aus Lewis Hamiltons Titelseason 2015 und 2016.
Dies ist der 1,6-Liter-Turbo-V6 mit seiner Split-Axle-Turbolader-Konfiguration, seinem MGU-H, das Energie aus dem Abgasstrom zurückgewinnt, und seinem MGU-K, das beim Bremsen Energie rekuperiert. Der Motor dreht im Straßenbetrieb bis auf 11.000 U/min — reduziert gegenüber dem F1-Maximum von 15.000 U/min, da bei solchen Drehzahlen der Motorölfilm innerhalb von Minuten abreißt und die für den F1-Betrieb erforderlichen Wartungsintervalle — bei denen komplette Motorüberholungen alle paar Rennen anfallen — mit den Erwartungen auch der anspruchsvollsten Straßenfahrzeugkunden schlicht unvereinbar wären.
Selbst bei 11.000 U/min leistet der V6 allein 574 PS — eine außerordentliche Literleistung aus 1,6 Litern Hubraum, die die unglaublichen Verdichtungsverhältnisse, die präzisen Einspritzsysteme und die fortschrittliche Brennraumgeometrie dieser F1-Motorengeneration widerspiegelt.
Die Hybrid-Architektur: Fünf Leistungsquellen im Zusammenspiel
Die Leistungsentfaltung des AMG One stammt nicht aus einer einzigen Quelle, sondern aus fünf miteinander verbundenen Systemen:
1. Der 1,6-Liter-Turbo-V6 (574 PS): Die primäre Verbrennungseinheit, die bei hohen Motordrehzahlen Ladedruck in ihrem Split-Axle-Turbolader aufbaut.
2. MGU-H (Motor-Generator-Einheit – Heat): Diese Einheit sitzt auf der Turboladerwelle und gewinnt Strom aus dem Abgasstrom über das Turbinenrad. Ihre Hauptaufgabe in der Formel 1 war es, Turboloch zu eliminieren, indem sie den Turbolader elektrisch auf Betriebsdrehzahl dreht, anstatt auf den Aufbau des Abgasdrucks zu warten. Im AMG One erfüllt sie dieselbe Funktion — der Turbolader des V6 hat praktisch kein Turboloch, weil der MGU-H ihn stets auf der korrekten Betriebsdrehzahl hält.
3. MGU-K (Motor-Generator-Einheit – Kinetic): In die Kurbelwelle integriert, liefert diese Einheit zusätzliches elektrisches Drehmoment direkt an die Motorabtriebswelle während der Beschleunigung und gewinnt beim Verzögern Energie zurück. Leistung: rund 163 PS.
4. Vorderlinker Elektromotor: Treibt das linke Vorderrad unabhängig an und liefert 163 PS sowie aktives Torque-Vectoring an der linken Vorderachse.
5. Vorderrechter Elektromotor: Spiegelt den linken Motor und liefert 163 PS an das rechte Vorderrad.
Gesamtsystemleistung: 1.063 PS und 1.478 Nm Drehmoment.
Die Komplexität, diese fünf Leistungsquellen gleichzeitig zu managen — dabei eine gleichmäßige, lineare Kraftentfaltung über den gesamten Betriebsbereich sicherzustellen und gleichzeitig den Ladezustand eines 8,4-kWh-Lithium-Ionen-Akkupakets zu regeln — erforderte von AMGs Ingenieuren die Entwicklung einer völlig neuen Antriebssteuersoftware. Nichts in der Serienfahrzeugindustrie kam annähernd an eine vergleichbare Kalibrierungsherausforderung heran.
Die Zulassungsherausforderung: Formel 1 für die Straße
Das F1-Antriebssystem des AMG One durch die europäische Fahrzeugtypgenehmigung zu bringen erforderte die Lösung von Problemen, die nie zuvor angegangen worden waren — weil noch niemand versucht hatte, einen F1-Motor für den Straßenverkehr zu homologieren.
Emissionen: F1-Motoren laufen mit speziell für die Performance entwickeltem Kraftstoff ohne jegliche Emissionsbeschränkungen. Straßenfahrzeuge müssen EU6d-Normen für CO, NOx, Kohlenwasserstoffe und Partikel erfüllen. AMGs Ingenieure arbeiteten mit Mahle zusammen, um ein neues Katalysatorsystem zu entwickeln, das mit den hohen Abgastemperaturen und der ungewöhnlichen Abgaszusammensetzung des Motors kompatibel ist.
Ölverbrauch: Hochdrehende F1-Motoren verbrauchen Öl — bewusst, um Kolbenringe und Dichtflächen bei extremen Temperaturen und Drücken zu schmieren. Akzeptabler Ölverbrauch für ein Straßenfahrzeug wird in Millilitern pro tausend Kilometer gemessen. AMG musste die Schmier- und Dichtungssysteme vollständig neu konstruieren, um den Verbrauch auf das Niveau von Serienfahrzeugen zu bringen.
Wartungsintervalle: Ein F1-Motor bewältigt möglicherweise 4.000 km, bevor eine vollständige Überholung erforderlich ist. Der AMG One hat ein angegebenes Wartungsintervall von 50.000 km vor größeren Arbeiten — eine 12,5-fache Verbesserung, erzielt durch reduzierte Betriebsdrehzahlen, verbesserte Ölchemie und überarbeitete Komponentenspezifikationen.
Leerlauf und Niedriggeschwindigkeitsbetrieb: F1-Fahrzeuge laufen im eigentlichen Sinne nicht im Leerlauf. Der AMG One kann bei 30 km/h im vollelektrischen Modus fahren, wobei er ausschließlich die Frontmotoren nutzt, während der Verbrennungsmotor abgeschaltet ist, was echte Alltagstauglichkeit im Stadtverkehr ermöglicht.
Aerodynamik: 1.100 kg Abtrieb
Das aerodynamische Paket des AMG One erzeugt bei seiner maximalen Betriebsgeschwindigkeit bis zu 1.100 kg Abtrieb — ein Wert, der modernen GT3-Rennwagen nahekommt und jedes andere straßenzugelassene Serienfahrzeug deutlich übertrifft.
Die aerodynamischen Elemente sind aktiv und intelligent. Der Frontsplitter verstellt seinen Anstellwinkel. Der Heckflügel — eine mehrteilige Einheit, die aus der Karosserie ausfährt — ändert seinen Anstellwinkel basierend auf Geschwindigkeit, Fahrmodus und Fahrereingabe. Im „DRS”-Modus — eine direkte Referenz an das Drag Reduction System der Formel 1 — öffnet sich der Heckflügel flach, reduziert den Luftwiderstand für maximale Höchstgeschwindigkeit auf Kosten des Abtriebs an der Hinterachse.
Das Fahrzeug verfügt sowohl vorne als auch hinten über einen Unterbodendiffusor. Der Unterboden ist im Wesentlichen flach mit präzise kontrollierten Venturi-Kanälen, und das Verhältnis zwischen diesem Boden und der Fahrbahnoberfläche ändert sich, wenn das hydraulische Fahrwerk die Bodenfreiheit in Reaktion auf Geschwindigkeit und Fahrmodus anpasst. Dieser Zusammenspiel aus aktivem Aerodynamiksystem und adaptivem Fahrwerk ist einer der Gründe, warum der AMG One sowohl bei niedrigen Stadtgeschwindigkeiten als auch am absoluten Limit gleichermaßen beherrschbar bleibt.
Produktion und Nürburgring-Rekord
Mercedes-AMG baute 275 Exemplare des AMG One, jedes zu einem Preis von rund 2,75 Millionen Euro. Jedes Fahrzeug war bereits vor der öffentlichen Premiere des Wagens im Jahr 2017 vergeben — einzig und allein auf der Grundlage des Versprechens, was er werden würde.
Im Juni 2022 stellte ein von Mercedes-AMG-DTM- und Formel-E-Fahrer Maro Engel gesteuerter AMG One einen neuen Rundenrekord auf der Nürburgring-Nordschleife für Serienfahrzeuge auf: 6 Minuten und 35,183 Sekunden, womit er den bisherigen Rekord des Porsche 918 Spyder schlug. Damit wurde der AMG One zum schnellsten Serienfahrzeug aller Zeiten auf der Grünen Hölle — eine Bestätigung der F1-abgeleiteten Technologie, sieben Jahre in der Entstehung.
Der AMG One ist nicht nur ein Auto, das F1-Technologie verwendet. Er ist ein Auto, das F1-Technologie ist, in einen anderen Kontext überführt. Er repräsentiert einen singulären Moment in der Automobilgeschichte: die bislang engste Konvergenz von Straßenfahrzeugen und Formel-1-Maschinen in einem einzigen Serienfahrzeug — und damit einen Maßstab, den die Automobilindustrie so schnell nicht wieder erreichen wird.