Pininfarina Battista: Schönheit und Bestie
Neunzig Jahre lang gestaltete Pininfarina die schönsten Automobile der Welt für andere – vornehmlich Ferrari, aber auch Alfa Romeo, Maserati, Fiat, BMW und Dutzende weitere Hersteller. Im Jahr 2019 beschloss man, endlich ein eigenes Fahrzeug zu bauen. Der Battista – benannt nach dem Firmengründer Battista „Pinin” Farina – ist der erste Serienwagen unter der Marke Automobili Pininfarina. Er ist zugleich, mit deutlichem Abstand, das leistungsstärkste straßenzugelassene Auto, das jemals in Italien gefertigt wurde, und eines der am schnellsten beschleunigenden Serienfahrzeuge aller Zeiten.
Das Erbe: 90 Jahre italienisches Design
Um die Bedeutung des Battista zu erfassen, lohnt ein Blick darauf, was Pininfarina in der Geschichte des Automobildesigns verkörpert.
Battista „Pinin” Farina wurde 1893 in Cortanze geboren, einem Dorf inmitten der piemontesischen Weinlandschaft im Nordwesten Italiens. Seinen Spitznamen „Pinin” – piemontesischer Dialekt für „der Kleine” – erhielt er als Kind und trug ihn sein Leben lang. 1961 änderte die italienische Regierung auf präsidialem Erlass seinen Nachnamen offiziell in Pininfarina, als Anerkennung seiner Verdienste um Italiens Kultur und Industrie.
1930 gründete er sein Karosseriehaus in Turin. Die Partnerschaft mit Ferrari – die zur bedeutendsten Designer-Hersteller-Beziehung der Automobilgeschichte werden sollte – begann 1952 mit dem Ferrari 212 Inter. In den folgenden sieben Jahrzehnten entwarf Pininfarina nahezu jeden straßenzugelassenen Ferrari: den 250 GT Berlinetta, den 275 GTB, den Daytona, den 308 GTB, den Testarossa, den F40, den F355, den 360 Modena, den F430, die 458 Italia, den 488 GTB und viele andere. Jedes dieser Fahrzeuge ist ein Meilenstein des Automobildesigns und trägt Pininfärinas stilistische Handschrift – eine Verbindung aus Eleganz, Proportion und Zurückhaltung, die die Italiener bella figura nennen.
2015 übernahm Mahindra – der indische Industriekonzern – Pininfarina. Unter der neuen Eigentümerschaft beschloss das Unternehmen den Wandel vom reinen Designberater zum Automobilhersteller. Die Marke Automobili Pininfarina wurde 2018 gegründet, der Battista wurde 2019 auf dem Genfer Automobilsalon vorgestellt.
Die Rimac-Verbindung: Eine Technologiepartnerschaft
Pininfarina ist ein Designhaus. Es verfügt über 90 Jahre Erfahrung darin, Automobile schön zu machen. Jedoch nicht über 90 Jahre Erfahrung in der Entwicklung elektrischer Antriebsstränge, Batteriemanagementsysteme, Torque-Vectoring-Software oder Hochvolt-Sicherheitssystemen. Hierfür brauchte man einen Partner.
Dieser Partner war Rimac Automobili – zum Zeitpunkt der Battista-Entwicklung ein schnell wachsendes kroatisches Elektro-Hypercar-Unternehmen, das gerade die Entwicklung des C_Two (später in Nevera umbenannt) abgeschlossen hatte. Die Vereinbarung war geradlinig: Pininfarina würde Rimacs Fahrgestell, Batteriesystem und elektrischen Antriebsstrang lizenzieren und darunter die eigene Karosserie und den eigenen Innenraum installieren. Rimac erhielt im Gegenzug einen Partner, der die kommerzielle Reichweite seiner Plattformtechnologie erweitern würde.
Die gemeinsame Plattform:
- Batterie: Ein 120-kWh-Batteriepaket – identisch mit dem Aggregat des Rimac Nevera – liefert die Energiespeicherung. Das Paket ist im Fahrzeugboden montiert, um eine optimale Gewichtsverteilung und einen tiefen Schwerpunkt zu erzielen.
- Motoren: Vier Elektromotoren – einer an jedem Rad – liefern die Antriebskraft. Jeder Motor wird von der Torque-Vectoring-Software unabhängig geregelt.
- Leistungselektronik: Die Wechselrichter, das Batteriemanagementsystem und die Ladeelektronik sind Rimac-entwickelte Einheiten, die zwischen Battista und Nevera geteilt werden.
Die Zahlen: Die gemeinsame Plattform liefert 1.900 PS (1.417 kW) und 2.340 Nm Drehmoment – Werte, die in der straßenzugelassenen italienischen Automobilgeschichte keinerlei Präzedenz haben. Die 0–100-km/h-Zeit von 1,86 Sekunden platziert den Battista unter den drei am schnellsten beschleunigenden Serienfahrzeugen aller Zeiten.
Obwohl die mechanische Plattform geteilt wird, fühlen sich Battista und Nevera unterschiedlich an und verhalten sich auch unterschiedlich. Die Software-Teams von Rimac und Pininfarina haben das Torque Vectoring, die Rekuperation und die Leistungsabgabekurven unterschiedlich abgestimmt, was die verschiedenen Designphilosophien der beiden Unternehmen widerspiegelt.
Design: Die einzelne Linie
Während der Rimac Nevera eine technische Übung in aerodynamischer Effizienz darstellt, ist der Battista eine Designübung in italienischer Eleganz. Die beiden Fahrzeuge, die eine identische mechanische Plattform teilen, sehen einander in keiner Weise ähnlich.
Die Außenhaut des Battista folgt Pininfärinas „Single Line”-Philosophie – der Idee, dass das schönste und lesbarste Design jenes ist, das sich mit einer einzigen fließenden Linie von der Nase bis zum Heck beschreiben lässt. Die Cisitalia 202 von 1947 – ebenfalls von Pininfarina gestaltet – war der ursprüngliche Ausdruck dieser Philosophie. Der Battista ist ihr zeitgenössischer Nachfahre.
Flächen: Die Karosserieoberflächen des Battista sind glatt, gerundet und frei von den aerodynamischen Anbauteilen – Lüftungsschlitze, Flaps, Kanäle –, die die meisten Hochleistungsfahrzeuge kennzeichnen. Die Linien fließen von der Haube über das Dach bis zum Heck ohne Unterbrechung. Scheinwerfer und Rückleuchten sind dünne, horizontale Elemente, die die Breite des Fahrzeugs betonen.
Bremsklappe: Das eine dramatische aerodynamische Element des Battista erscheint erst beim Bremsen: Ein über die gesamte Breite reichender Heckspoiler erhebt sich aus dem Heck, wenn der Fahrer bremst, und fungiert als Luftbremse zur Ergänzung der rekuperativen und mechanischen Bremssysteme. Im Stand ist er unsichtbar. Beim Bremsen ist er das theatralischste Element des aerodynamischen Systems des Fahrzeugs.
Farbe: Pininfarina bietet den Battista in einer Reihe von Farben an, die speziell für das Fahrzeug entwickelt wurden, darunter mehrere Spezialeffekte, die auf einer konventionell lackierten Oberfläche unmöglich wären. „Bianco Sestriere” – ein Weiß mit perlmuttartigem Metallicschimmer – ist die Signaturfarbe und verweist auf den piemontesischen Skiort in der Nähe der Ursprünge der Familie Pininfarina.
Sound: Suono Puro
Ein Elektroauto hat keinen Motor. Ohne Motor hat es keine Stimme – und ein Auto ohne Stimme entbehrt einer wichtigen Dimension seines Charakters. Pininfärinas Lösung bestand weder darin, dieses Thema zu ignorieren, noch darin, Motorgeräusche zu imitieren, sondern etwas völlig Neues zu schaffen.
Das Unternehmen engagierte Akustikingenieure, die monatelang die Frequenzen analysierten, die der elektrische Antriebsstrang des Battista erzeugt – die Motoren, die Wechselrichter, die Untersetzungsgetriebe –, und identifizierten eine charakteristische Frequenz von 54 Hz, die der Antriebsstrang unter bestimmten Betriebsbedingungen natürlich erzeugt. Anstatt diese Frequenz zu unterdrücken, verstärkten sie diese und leiteten sie durch die Chassis- und Karosseriestruktur. Das Ergebnis ist eine subtile, physische Vibration, die die Insassen eher als Empfindung denn als Geräusch wahrnehmen – etwas, das im Brustbein resoniert und nicht in den Ohren.
Pininfarina nennt dies „Suono Puro” – Reiner Klang. Es ist eine Antwort auf die Herausforderung, einem elektrischen Hypercar eine Stimme zu geben, ohne unehrlicher Weise einen Verbrennungsmotor zu imitieren. Ob dies gelingt, ist eine Frage des persönlichen Urteils, aber die Philosophie ist bewundernswert: Erkenne, was das Auto ist, und finde einen authentischen Weg, seinen Charakter zu kommunizieren, anstatt ihn mit Theatralik zu verschleiern.
Fahrmodi: Von Calma bis Furiosa
Das Software-Team von Pininfarina stimmte die Antriebsstrangcharakteristik des Battista anders als Rimacs Nevera ab und spiegelte damit den unterschiedlichen Charakter wider, den das Fahrzeug ausdrücken sollte. Die Fahrmodi reichen von zurückhaltend bis extrem:
Calma (Ruhig): Maximale Rekuperation, begrenzte Leistungsabgabe, sanftes Gasannahme-Verhalten. Der Battista im Calma-Modus ist ein nahezu lautloser Luxus-Grand-Tourer – komfortabel, verfeinert und in der Lage, Autobahnstrecken mit minimalem Aufwand zu bewältigen.
Pura (Pur): Standard-Allradantrieb mit proportionaler Leistungsabgabe. Die Leistung des Battista ist vollständig abrufbar, wird aber progressiv statt gewaltsam bereitgestellt.
Energica (Energetisch): Sportkonfiguration mit schärferer Gasannahme und reduzierter elektronischer Eingriffsschwelle. Das Fahrzeug kommuniziert mehr Dringlichkeit und erfordert mehr Fahrereinsatz.
Furiosa (Furios): Volle 1.900 PS, alle elektronischen Eingriffe auf ein Minimum reduziert, alle vier Motoren auf maximale Leistung. Der Battista im Furiosa-Modus ist gewaltsam, unmittelbar und desorientierend auf eine Weise, die kaum ein anderes Fahrzeug jeglicher Art erreicht. Die 1,86-Sekunden-0–100-km/h-Zeit wird in diesem Modus erzielt.
Carattere (Charakter): Hinterradlastige Konfiguration, die kontrollierten Übersteuern für Fahrer ermöglicht, die die Handlingsgrenzen des Fahrzeugs auf der Rennstrecke erkunden möchten.
Produktion: 150 Exemplare weltweit
Nur 150 Battistas wurden gefertigt – je 50 für drei regionale Märkte (Europa, Nordamerika und Naher Osten/Asien). Jedes Fahrzeug war vor Steuern auf ungefähr 2 Millionen Euro veranschlagt.
Alle 150 waren verkauft, bevor das Fahrzeug in die Produktion ging. Unter den Käufern finden sich Pininfarina-Enthusiasten, ernsthafte Ferrari-Sammler, die die Arbeit des Designhauses unabhängig von einer bestimmten Marke verfolgen, sowie Sammler elektrischer Hypercars, die Ästhetik gegenüber dem stärker technikorientierten Angebot des Rimac Nevera priorisieren.
Der Battista bewies mehrere Dinge gleichzeitig: dass Pininfarina erfolgreich als Automobilhersteller statt als Designberater agieren konnte; dass die Rimac-Plattform mehrere unterschiedliche Produkte mit verschiedenen Charakteren unterstützen kann; dass es einen Markt für ein elektrisches Hypercar gibt, das auf Designerbe statt auf Leistungsspezifikationen positioniert ist; und dass die Zukunft des italienischen Automobildesigns keinen Verbrennungsmotor benötigt, um sich schön auszudrücken.
Er ist die schönere Schwester des Nevera – und wohl das schönste Elektroauto, das je gebaut wurde.