Lamborghini Centenario
Lamborghini

Centenario

Lamborghini Centenario: Das monumentale Geschenk an den Gründer

In der Automobilindustrie werden Jubiläen oft mit neuen Lackierungen, speziellen Plaketten im Innenraum oder vielleicht einem leicht geänderten Felgendesign gefeiert. Doch in Sant’Agata Bolognese, dem Hauptquartier von Lamborghini, hält man wenig von derartigen Untertreibungen. Als sich das Jahr 2016 näherte und damit der 100. Geburtstag des legendären Firmengründers Ferruccio Lamborghini, war klar, dass eine schlichte Sonderedition nicht ausreichen würde. Das Unternehmen brauchte ein Monument.

Dieses Monument wurde auf dem Genfer Auto-Salon 2016 enthüllt: der Lamborghini Centenario.

Der Centenario war kein komplett eigenständiges Modell, sondern basierte tief im Inneren auf dem Architektur-Rückgrat des Aventador. Doch er war weit mehr als nur ein Aventador in einem neuen Kleid. Er fungierte als extrem exklusives, rollendes Testlabor für Technologien, die später in die Serienproduktion einfließen sollten – gepaart mit dem aggressivsten und aerodynamisch radikalsten Design, das Lamborghini bis dato für die Straße entworfen hatte.

Das Herzstück: Der stärkste Lamborghini-V12 seiner Zeit

Um dem Namen des Gründers gerecht zu werden, musste der Motor eine Bestmarke setzen. Die Ingenieure nahmen den mächtigen 6,5-Liter-L539-V12-Saugmotor aus dem Aventador und unterzogen ihn einer intensiven Leistungskur.

Durch eine Erhöhung der maximalen Motordrehzahl von 8.350 U/min auf ohrenbetäubende 8.600 U/min, eine Optimierung der variablen Ventilsteuerung und eine Reduzierung des Abgasgegendrucks stieg die Leistung auf furchteinflößende 770 PS (566 kW). Das maximale Drehmoment blieb bei massiven 690 Nm bei 5.500 U/min.

Zum Zeitpunkt seiner Präsentation war der Centenario damit der leistungsstärkste Lamborghini, der jemals gebaut wurde. Er war ein trotziges Bekenntnis zum frei atmenden, großvolumigen Saugmotor in einer Zeit, in der die Konkurrenz (wie Ferrari, McLaren und Porsche) zunehmend auf Turbotechnologie oder Hybrid-Unterstützung setzte. Der Sound dieses V12 – ungefiltert, heiser und bis in Mark und Bein gehend mechanisch – war die vielleicht passendste akustische Hommage an Ferruccio Lamborghini, die man sich vorstellen konnte.

Die Kraftübertragung erfolgte über das extrem schnelle, aber ebenso brachiale 7-Gang-ISR-Getriebe (Independent Shifting Rod) und den elektronisch gesteuerten Haldex-Allradantrieb (Generation IV).

Die Premiere der Allradlenkung

Die größte technologische Innovation des Centenario war jedoch nicht seine Motorleistung, sondern sein Fahrwerk. Er war der allererste Lamborghini, der mit einer Hinterachslenkung (Allradlenkung) ausgestattet war.

Dieses von Lamborghini entwickelte System lenkte die Hinterräder bei niedrigen Geschwindigkeiten in die entgegengesetzte Richtung der Vorderräder. Dies verringerte den virtuellen Radstand drastisch und ließ das ohnehin breite und lange Auto in engen Kurven oder im Stadtverkehr erstaunlich agil und wendig wirken. Bei hohen Geschwindigkeiten auf der Landstraße oder der Rennstrecke lenkten die Hinterräder in dieselbe Richtung wie die Vorderräder. Dies verlängerte den virtuellen Radstand, was für eine überragende Spurstabilität und ein ruhigeres Handling in schnellen Kurven sorgte.

Zusätzlich war das Fahrzeug mit dem von Lamborghini bekannten magnetorheologischen Pushrod-Fahrwerk ausgestattet. Die Kombination aus Allradantrieb, Allradlenkung und dem extrem steifen Carbon-Monocoque machte den Centenario zu einem der präzisesten und fahrdynamischsten Fahrzeuge, die Lamborghini jemals produziert hatte. (Diese Hinterachslenkung hielt kurz darauf auch im Serienmodell Aventador S Einzug.)

Design und Aerodynamik: Die Funktion diktiert die Form

Optisch brach der Centenario bewusst mit den fließenderen Linien des serienmäßigen Aventador. Das Designzentrum unter der Leitung von Mitja Borkert entwarf eine Karosserie, die ausschließlich von den Erfordernissen der Aerodynamik und der Kühlung diktiert wurde.

Die gesamte Karosserie bestand aus Sichtcarbon (Glossy Carbon Fiber), was nicht nur extrem teuer in der Herstellung ist, sondern auch eine absolut perfekte Ausrichtung der Carbonfasermuster bei der Verklebung erfordert.

Jede Linie, jede Kante und jeder Lufteinlass des Centenario diente einem bestimmten Zweck. Die markante, asymmetrische Fronthaube war von großen Luftauslässen durchbrochen, die die heiße Luft von den vorderen Kühlern über die Windschutzscheibe ableiteten, um zusätzlichen Abtrieb zu generieren. Die Scheinwerfer waren noch schmaler und aggressiver gestaltet als beim Standardmodell.

Das Heck war das vielleicht spektakulärste Element des Fahrzeugs. Es bestand praktisch nur aus einem riesigen, aggressiven sechs-finnen-Carbon-Diffusor, der beinahe die gesamte Fahrzeugbreite einnahm. Dieser Diffusor dominierte das optische Erscheinungsbild derart stark, dass die Karosserie darüber beinahe zu schweben schien. Der Diffusor optimierte den Luftstrom unter dem flachen Fahrzeugboden radikal und erzeugte in Kombination mit dem großen, voll aktiven und hydraulisch verstellbaren Heckflügel einen gewaltigen Abtrieb (Downforce) bei Hochgeschwindigkeitsfahrten.

Der Heckflügel passte sich je nach Fahrmodus (Strada, Sport, Corsa) und gefahrener Geschwindigkeit stufenlos in Höhe und Neigung an, um das optimale Verhältnis zwischen Abtrieb und Luftwiderstand zu gewährleisten.

Radikaler Leichtbau

Dank der ausschließlichen Verwendung von Kohlefaser für das Monocoque und sämtliche Karosserieteile drückte Lamborghini das Trockengewicht des Centenario auf lediglich 1.520 Kilogramm – satte 55 Kilogramm weniger als ein regulärer Aventador.

Dadurch ergab sich ein herausragendes Leistungsgewicht von nur 1,97 kg/PS. Um die ungefederten Massen an den Achsen weiter zu reduzieren, entwickelte Lamborghini spezielle, aus Aluminium geschmiedete Felgen (20 Zoll vorne, 21 Zoll hinten), die mit maßgeschneiderten Kohlefaser-Einsätzen zur besseren Bremskühlung (Aeroblades) versehen waren. Die serienmäßigen Carbon-Keramik-Bremsscheiben brachten das Fahrzeug aus 100 km/h nach nur beachtlichen 30 Metern zum Stehen.

Leistung: Kompromisslose Zahlen

Die Kombination aus gesteigerter Motorleistung, reduziertem Gewicht und optimierter Aerodynamik gipfelte in Fahrleistungen, die den Centenario zu einem wahren Hypercar machten:

  • Beschleunigung 0-100 km/h: 2,8 Sekunden
  • Beschleunigung 0-300 km/h: 23,5 Sekunden
  • Höchstgeschwindigkeit: über 350 km/h (217 mph)

Das Erlebnis, diese Leistung abzurufen, wurde durch das puristische Interieur unterstrichen. Die Kabine war großzügig mit Carbon, Alcantara und feinstem Leder ausgekleidet, behielt aber den Jet-Fighter-Charakter der Aventador-Baureihe bei. Eine Besonderheit des Centenario war die Einführung eines neuen, hochauflösenden 10,1-Zoll-Touchscreen-Infotainmentsystems in der Mittelkonsole, das neben Apple CarPlay auch über eine hochkomplexe Telemetrie-Funktion verfügte, mit der der Fahrer seine Rundenzeiten und Fahrzeugdaten auf der Rennstrecke aufzeichnen und analysieren konnte.

Exklusivität in Reinkultur

Der Lamborghini Centenario war von Anfang an als ultrakleine, limitierte Serie (“Few-Off”) geplant. Lamborghini produzierte insgesamt genau 40 Exemplare für die weltweite Kundschaft.

Diese 40 Einheiten teilten sich strikt auf in:

  • 20 Coupés
  • 20 Roadster (die offene Version wurde kurz nach dem Coupé auf der Monterey Car Week in Pebble Beach vorgestellt)

Der Basispreis für einen Centenario lag bei atemberaubenden 1,75 Millionen Euro (zuzüglich lokaler Steuern). Doch wie es in diesen Sphären üblich ist, spielte der Preis keine Rolle: Alle 40 Fahrzeuge waren bereits an exklusiv ausgewählte Lamborghini-Stammkunden verkauft, lange bevor das Auto auf dem Genfer Auto-Salon überhaupt der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde.

Der Centenario erfüllte seine Mission perfekt. Er war nicht einfach nur ein unglaublich schnelles, unglaublich teures Auto. Er war eine furchteinflößende, aus Vollcarbon gehauene Skulptur, die zeigte, wie weit Lamborghini die Grenzen des Saugmotor-Designs und der Aerodynamik verschieben konnte. Er testete erfolgreich die Allradlenkung für zukünftige Generationen und stand als ultimatives, kompromissloses Symbol für den unbändigen Geist von Ferruccio Lamborghini. Ein Geschenk, das dem Gründer garantiert ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hätte.