Lamborghini Diablo
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Lamborghini Diablo: Der Teufel sprengt die 200-mph-Marke

Die Aufgabe, einen Nachfolger für den legendären Lamborghini Countach zu entwickeln, glich einer Herkulesaufgabe. Der Countach hatte nicht nur das Überleben der Marke in turbulenten Zeiten gesichert, er hatte das Konzept des Supersportwagens visuell und emotional für fast zwei Jahrzehnte definiert. Als die Entwicklung unter dem internen Codenamen “Projekt 132” im Jahr 1985 begann, war die Vorgabe des damaligen Eigentümers, der Mimran-Brüder, ebenso simpel wie furchteinflößend: Das neue Auto musste den Countach in jeder Hinsicht übertreffen und vor allem die magische Grenze von 315 km/h (196 mph) durchbrechen.

Fünf Jahre und einen Besitzerwechsel später (Chrysler hatte Lamborghini 1987 übernommen) fiel am 21. Januar 1990 in Monte Carlo der Vorhang für den Lamborghini Diablo.

Benannt nach einem besonders wilden Kampfstier, der im 19. Jahrhundert einen epischen Kampf gegen den berühmten Matador “El Chicorro” lieferte, machte der Diablo seinem Namen alle Ehre. Er war breiter, länger, flacher und vor allem deutlich leistungsstärker als der Countach. Er verfeinerte das Konzept des längs eingebauten V12-Mittelmotors, bewahrte die ikonischen Scherentüren und etablierte Lamborghini endgültig in der exklusiven Liga der Autos, die mehr als 200 Meilen pro Stunde erreichten.

Das Design: Gandinis Keil unter Chrysler-Regie

Das ursprüngliche Design für Projekt 132 stammte von Marcello Gandini, dem Meister, der bereits den Miura und den Countach gezeichnet hatte. Sein Entwurf war kantig, extrem aggressiv und voller spitzer Winkel. Doch als Chrysler das Ruder übernahm, waren die amerikanischen Manager mit Gandinis radikalem Entwurf unzufrieden. Sie empfanden ihn als zu unpraktisch und aerodynamisch ineffizient.

Das Chrysler-Designstudio in Detroit überarbeitete Gandinis Linien umfassend (sehr zum Ärger des Italieners, der seine ursprünglichen Pläne später für den Cizeta-Moroder V16T verwendete). Sie glätteten die scharfen Kanten, rundeten die Ecken ab und verbesserten die Aerodynamik und die Kühlung des massiven Motors erheblich.

Das Resultat war eine meisterhafte Synthese: Der Diablo war unverkennbar ein Lamborghini, bewahrte die aggressive Keilform und die geduckte Haltung, wirkte aber moderner, eleganter und muskulöser als sein Vorgänger. Die Karosserie bestand aus einer Kombination von Aluminiumblechen, Stahl und leichten Kohlefaser-Verbundwerkstoffen, die über ein hochfestes Stahlrohr-Spaceframe-Chassis gespannt waren.

Die Kabine wurde deutlich geräumiger gestaltet als beim klaustrophobischen Countach, die Sichtverhältnisse verbesserten sich (etwas), und die Seitenfenster ließen sich nun (teilweise) elektrisch absenken. Dennoch blieb der Diablo ein Auto, bei dem beim Ein- und Aussteigen über die massiven Seitenschweller (durch die ikonischen Scherentüren) eine gewisse Gelenkigkeit gefragt war.

Der V12-Saugmotor: Von 5,7 auf 6,0 Liter

Das Herzstück des Teufels war eine umfassend weiterentwickelte Version des klassischen, von Giotto Bizzarrini entworfenen V12-Saugmotors mit vier obenliegenden Nockenwellen und 48 Ventilen.

  • Der Diablo 5.7 (1990-1998): In der ersten Generation wurde der Hubraum auf 5,7 Liter (5.707 ccm) vergrößert. Anstelle der komplexen Weber-Vergaser des Countach kam nun eine hochmoderne, computergesteuerte sequenzielle Mehrpunkt-Saugrohreinspritzung (LIE) zum Einsatz. Diese garantierte nicht nur eine deutlich bessere Fahrbarkeit im Alltag, sondern entfesselte auch enorme Kraft: 492 PS (362 kW) bei 7.000 U/min und ein gewaltiges Drehmoment von 580 Nm bei 5.200 U/min. Die Kraftübertragung erfolgte traditionell ausschließlich auf die gewaltigen 335er-Hinterreifen.
  • Der Diablo SV (Super Veloce, 1995-1999): Die leichtere, puristischere und hinterradangetriebene Fahrer-Version des Diablo. Durch ein optimiertes Motormanagement und eine lautere Abgasanlage stieg die Leistung auf 510 PS (später 530 PS). Optisch war der SV sofort an den zusätzlichen Lufthutzen auf dem Motordeckel und dem markanten “SV”-Schriftzug auf den Flanken zu erkennen.
  • Der Diablo 6.0 (2000-2001): Nach der Übernahme von Lamborghini durch Audi (Volkswagen) im Jahr 1998 erhielt der Diablo sein letztes, massives Update. Der Hubraum des V12 wurde auf 6,0 Liter (5.992 ccm) erhöht. Dieser Motor, der auch im Sondermodell GT Premiere feierte, war ein Meisterwerk der Laufkultur und lieferte dank variabler Ventilsteuerung gewaltige 550 PS (405 kW) bei 7.100 U/min. Die Karosserie wurde geglättet, die Klappscheinwerfer verschwanden (ersetzt durch feststehende Einheiten vom Nissan 300ZX) und der Innenraum wurde im Audi-Standard deutlich aufgewertet.

Egal in welcher Konfiguration: Der V12 des Diablo war ein akustisches Naturschauspiel. Im Leerlauf ein tiefes, unheilvolles Grollen, das sich unter Last zu einem ohrenbetäubenden, heiseren mechanischen Brüllen steigerte, das die Nackenhaare jedes Passanten aufstellte.

Fahrwerk: Die Einführung des Allradantriebs (VT)

Die rohe Gewalt des 5,7-Liter-V12 überforderte die Hinterreifen des frühen Diablo derart schnell, dass das Auto im Grenzbereich extrem anspruchsvoll und bei Nässe regelrecht gefährlich zu fahren war. Es bedurfte der Reaktionsfähigkeit eines Rennfahrers, um den schweren Wagen beim Ausbrechen des Hecks einzufangen.

Lamborghini reagierte 1993 mit einer technologischen Revolution: dem Diablo VT (Viscous Traction).

Der VT war der allererste Serien-Lamborghini, der mit Allradantrieb ausgestattet war. Das System nutzte eine Visco-Kupplung (abgeleitet vom Geländewagen LM002), die im Normalbetrieb die Kraft komplett an die Hinterachse leitete (für ein klassisches Sportwagen-Handling). Verloren die Hinterräder jedoch die Traktion, konnte das System bis zu 25 % des Drehmoments blitzschnell und stufenlos an die Vorderräder umleiten.

Dieser Allradantrieb verwandelte den Diablo von einem wilden Biest in ein unglaublich präzises Skalpell. Das Grip-Niveau und die Traktion aus engen Kurven heraus waren phänomenal, was das Auto für ein breiteres Publikum zugänglicher und sicherer machte.

Gleichzeitig führte der VT elektronisch einstellbare Koni-Stoßdämpfer, ein neues Armaturenbrett und verbesserte Bremsen ein (obwohl ABS kurioserweise erst Jahre später, 1999, zum Standard wurde). 1995 ergänzte der erste offene Diablo VT Roadster das Programm, dessen abnehmbares Karbondach sich mechanisch auf der hinteren Motorhaube befestigen ließ.

Leistung: Der Durchbruch in den 200-mph-Club

Die Vorgabe an die Ingenieure war klar: Der Diablo musste schneller sein als der Ferrari F40 und der Porsche 959.

Er lieferte auf der ganzen Linie ab. Der reguläre, hinterradangetriebene Diablo von 1990 beschleunigte in 4,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h (62 mph). Die späteren 6.0-Liter-VT-Modelle absolvierten den Sprint dank Allradantrieb sogar in 3,9 Sekunden.

Doch die wichtigste Zahl war die Endgeschwindigkeit. Bei Nardò (Italien) wurde die Höchstgeschwindigkeit des ersten Diablo offiziell mit 325 km/h (202 mph) gemessen. Damit erfüllte das Auto seine Mission: Er war das erste Serienfahrzeug aus Sant’Agata, das die mythische Barriere von 200 Meilen pro Stunde durchbrach, und katapultierte Lamborghini zurück an die Spitze des Hypercar-Quartetts der 90er Jahre.

Um das Auto zu verzögern, war es mit gigantischen, innenbelüfteten Brembo-Stahlbremsscheiben (zunächst ohne Servounterstützung!) ausgestattet, die dem Fahrer immense Beinkraft abverlangten.

Motorsport und Extrem-Versionen

Während Lamborghini traditionell (auf Anweisung des Gründers) keine Werkseinsätze im Motorsport bestritt, begann sich diese Haltung mit dem Diablo aufzuweichen.

  • Der Diablo SE30 (1993): Eine auf 150 Stück limitierte Sonderedition zum 30. Firmenjubiläum. Gewichtsreduziert durch Plexiglasscheiben und den Verzicht auf Klimaanlage und Radio. Hinterradantrieb und ein auf 525 PS erstarkter V12 machten ihn extrem giftig. 15 dieser Fahrzeuge erhielten das “Jota”-Upgrade (zwei Lufthutzen auf dem Dach und 595 PS), das den Wagen effektiv zu einem Straßenrennwagen machte.
  • Der Diablo GT (1999): Die kompromissloseste Version des Diablo. Limitiert auf nur 80 Stück, ausgestattet mit einem auf 6,0 Liter aufgebohrten Motor (575 PS), aggressivster Carbon-Aerodynamik, einem massiven Lufthutzen auf dem Dach, einem komplett gestrippten Interieur mit Überrollkäfig und reinem Hinterradantrieb. Er war im Grunde ein GT2-Rennwagen mit Nummernschildern und konnte beinahe 340 km/h erreichen.
  • Der Diablo GTR (1999): Die auf 30 Stück limitierte, reine Rennstrecken-Version für den Lamborghini Supertrofeo-Markenpokal, mit 590 PS und einem massiven, direkt am Chassis verschraubten Heckflügel.

Ein puristisches Interieur in drei Epochen

Das Cockpit des Diablo spiegelt die stürmische Firmenhistorie wider. Die frühen Modelle (1990-1993) zeichneten sich durch ein monolithisches, fast klobiges Armaturenbrett (“Tombstone”) aus, das die mächtigen analogen Rundinstrumente beherbergte.

Unter Chrysler (beim VT) wurde das Interieur deutlich ergonomischer und fließender gestaltet. Die letzte Epoche (unter Audi-Regie ab 1999 beim Diablo 6.0) brachte schließlich hochwertigste Materialien (viel Carbon), präzise Schalter (teilweise aus dem Audi-Konzernregal) und ein Navigationssystem in die V12-Kabine, ohne die bedrohliche Enge und das Fahrer-fokussierte Layout zu opfern.

Die offene Schaltkulisse des 5-Gang-Getriebes (das Dog-Leg-Layout, bei dem der erste Gang unten links liegt) blieb über alle Generationen erhalten und verlangte vom Fahrer eine resolute, präzise Handhabung.

Vermächtnis und Produktion

Der Lamborghini Diablo hielt die Marke durch eines der finanziell turbulentesten Jahrzehnte ihrer Geschichte über Wasser. Zwischen 1990 und 2001 wurden in Handarbeit insgesamt 2.884 Exemplare gefertigt.

Er war der perfekte Brückenschlag zwischen der rauen, kompromisslosen und oft gefährlichen Ära der analogen Supersportwagen der 70er und 80er Jahre (dem Countach) und der modernen, extrem leistungsstarken, aber durch Allradantrieb fahrbaren Hypercars des 21. Jahrhunderts (dem Murciélago).

Der Diablo war ein Auto für extrovertierte Charaktere. Er bot extrem anspruchsvolles Fahren, eine atemberaubende Geräuschkulisse, keine Sicht nach hinten und die Fähigkeit, über 320 km/h zu fahren. Er war das Poster-Auto der 90er Jahre, ein Teufel auf vier extrem breiten Rädern, der seinen Platz in der Hall of Fame der Supersportwagen auf ewig sicher hat.