Lamborghini Miura (S und SV): Die Perfektionierung der Legende
Als der erste Lamborghini Miura (der P400) im Jahr 1966 auf dem Genfer Auto-Salon enthüllt wurde, veränderte er die Welt der Hochleistungsautomobile über Nacht. Er erfand praktisch im Alleingang das Konzept des Supersportwagens mit Mittelmotor für die Straße. Doch so atemberaubend das Design von Marcello Gandini und so revolutionär der quer eingebaute V12-Motor auch waren, der P400 war ein ungeschliffener Diamant. Er litt unter starkem aerodynamischem Auftrieb bei hohen Geschwindigkeiten (die Nase wurde beängstigend leicht), der Innenraum war extrem laut und heiß, und das Fahrwerk war der gewaltigen Leistung oft nicht gewachsen.
Ferruccio Lamborghini und sein brillantes Ingenieursteam (Dallara, Stanzani und Testfahrer Bob Wallace) wussten, dass sie das Auto weiterentwickeln mussten. Sie durften die Magie des Originals nicht zerstören, mussten aber aus dem wilden Prototyp-Konzept einen ausgereiften, fahrbaren und sicheren Supersportwagen formen.
Das Ergebnis dieses iterativen Prozesses waren zwei Evolutionsstufen, die den Mythos des Miura endgültig zementierten und ihn vom unberechenbaren Pionier zum vielleicht begehrtesten klassischen Automobil der Geschichte machten: der Miura S (Spinto) und der legendäre, ultimative Miura SV (SuperVeloce).
Der V12-Motor: Evolution zur 385-PS-Ikone
Das Herzstück jeder Miura-Generation blieb der brillante, von Giotto Bizzarrini entworfene 3,9-Liter-V12-Motor (3.929 ccm) mit vier obenliegenden Nockenwellen, der quer hinter den Passagieren eingebaut war.
- Miura S (ab 1968): Die erste große Überarbeitung des Antriebsstrangs. Die Ingenieure optimierten die Brennräume, installierten schärfere Nockenwellenprofile und vergrößerten die Einlasskanäle der vier Weber-Dreifachvergaser. Dies steigerte die Leistung von 350 PS auf 370 PS bei 7.700 U/min. Die Höchstgeschwindigkeit stieg auf 280 km/h.
- Miura SV (ab 1971): Das absolute Meisterstück. Für den “SuperVeloce” (italienisch für “superschnell”) wurde der V12 nochmals umfassend überarbeitet. Größere Ventile, geänderte Steuerzeiten und eine weitere Optimierung der Vergaser brachten die Leistung auf furchteinflößende 385 PS (283 kW) bei 7.850 U/min und ein Drehmoment von 400 Nm bei 5.750 U/min. Der SV war damit der stärkste und schnellste Miura, der jemals das Werk in Sant’Agata Bolognese verließ.
Die Trennung der Ölsysteme
Eine der wichtigsten (und teuersten) technischen Verbesserungen der SV-Generation betraf jedoch nicht die Spitzenleistung, sondern die Zuverlässigkeit. Bei den frühen Miura-Modellen teilten sich der Motor und das manuelle 5-Gang-Getriebe denselben Ölkreislauf. Da das Getriebe naturgemäß winzige Metallspäne (Abrieb) produziert, gelangten diese Partikel trotz Ölfilter unweigerlich in die hochsensiblen Bereiche des V12-Motors, was bei falscher Wartung zu katastrophalen Motorschäden führte.
Ab den späteren Modellen des Miura SV (etwa ab Mitte 1971, oft als “Split Sump” bezeichnet) führte Lamborghini endlich getrennte Schmiersysteme für den Motor und das Getriebe ein. Diese entscheidende Modifikation machte den SV nicht nur zum stärksten, sondern auch zum mit Abstand zuverlässigsten Miura, der heute von Sammlern am höchsten bewertet wird.
Fahrwerk und Aerodynamik: Den Auftrieb besiegen
Das größte Problem des Ur-Miura (P400) war seine Aerodynamik. Die wunderschöne, flache Frontpartie fungierte bei Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h wie eine Flugzeugtragfläche. Da zudem der Tank vorne montiert war, wurde die Vorderachse immer leichter, je leerer der Tank und je höher die Geschwindigkeit wurde. Die Lenkung verlor fast jeden Kontakt zur Fahrbahn.
- Der Miura S versuchte dieses Problem durch eine überarbeitete Fahrwerksgeometrie und den Einsatz von neuen, steiferen Pirelli-Cinturato-Reifen der 70er-Serie (Serie 70 VR 15) zu mildern, was die Stabilität leicht verbesserte. Zudem erhielt der ‘S’ innenbelüftete Scheibenbremsen (Girling) rundum, die das Fading der frühen P400-Bremsen eliminierten.
- Der Miura SV löste das Problem schließlich radikal. Lamborghini veränderte das Chassis tiefgreifend. Die hintere Spurweite wurde um massive 13 Zentimeter verbreitert (von 1.412 mm auf 1.541 mm), um gigantische, 9 Zoll breite Campagnolo-Magnesiumfelgen (mit neuartigen Pirelli-Reifen in der Dimension 255/60 VR15) unterzubringen. Das gesamte Doppelquerlenker-Fahrwerk (vorne und hinten) wurde überarbeitet, steifer abgestimmt und die Aerodynamik an der Front wurde dezent modifiziert, um den Auftrieb zu minimieren. Der SV lag bei hohen Geschwindigkeiten unvergleichlich satter, präziser und ruhiger auf der Straße als seine nervösen Vorgänger.
Design: Die Evolution von Gandinis Meisterwerk
Das Grunddesign des Miura blieb über alle drei Generationen hinweg unangetastet – Gandinis Linienführung war schlichtweg zu perfekt, um sie zu verfälschen. Doch der genaue Betrachter erkennt die Evolution:
- Miura S: Optisch blieb der ‘S’ dem P400 sehr treu. Die auffälligsten Änderungen waren verchromte Rahmen um die Fenster und die Scheinwerfer (“Wimpern” blieben erhalten) sowie ein diskretes ‘S’-Emblem am Heck. Der Innenraum wurde deutlich aufgewertet (elektrische Fensterheber serienmäßig, bessere Materialien, optionale Klimaanlage), um den Wagen luxuriöser zu machen.
- Miura SV: Der SV ist optisch der aggressivste Miura. Die wichtigste und offensichtlichste Änderung war der Wegfall der legendären “Wimpern” (Eyelashes) um die Klappscheinwerfer. Ferruccio Lamborghini war der Meinung, dass die Produktion dieser Zierelemente zu zeitaufwendig und teuer sei. Stattdessen erhielt der SV glatte, mattschwarze Scheinwerferumrandungen. Zudem musste das Heckdesign angepasst werden. Um die massiv verbreiterte Hinterachse und die gewaltigen 9-Zoll-Felgen unterzubringen, wurden die hinteren Kotflügel deutlich ausgestellt und voluminöser gestaltet. Dies gab dem SV einen unglaublich muskulösen, breiten Stand (“Stance”), der ihn für viele Enthusiasten zum schönsten aller Miuras macht. Die Rückleuchtengehäuse wurden leicht modifiziert, und die Frontschürze erhielt einen etwas größeren Lufteinlass.
Leistung: König der Landstraße
Die Fahrleistungen des Miura SV waren 1971 das absolute Maß der Dinge. Während Ferrari mit dem (frontmotorisierten) 365 GTB/4 Daytona ein hervorragendes Auto baute, war der Miura das spektakulärere, exotischere Konzept.
Dank 385 PS und einem Trockengewicht von lediglich rund 1.245 Kilogramm (etwas schwerer als der Ur-P400 aufgrund der Verstärkungen und der breiteren Reifen) erreichte der SV Beschleunigungswerte, die sich auch heute noch sehen lassen können:
- Beschleunigung 0-100 km/h: ca. 6,5 Sekunden (limitiert durch die Traktion der Reifen und das schwergängige Getriebe aus dem Stand).
- Höchstgeschwindigkeit: 285 km/h (177 mph).
Das Fahrerlebnis in einem SV war intensiv. Die extrem flache Sitzposition, die schwere, ununterstützte Lenkung, die enorme Hitzeentwicklung des quer im Nacken eingebauten V12-Motors und der ohrenbetäubende Klang der offenen Ansaugtrichter der Weber-Vergaser boten ein vollkommen ungefiltertes, mechanisches Abenteuer. Es war ein Auto, das den Fahrer körperlich forderte, ihn aber mit einer Fahrdynamik und einem Sound belohnte, die in der Automobilgeschichte unerreicht blieben.
Exklusivität und Produktion
Der Lamborghini Miura war nie ein Auto für die Massen, sondern das absolute Statussymbol für Könige, Rockstars und Tycoons (von Rod Stewart bis Miles Davis).
Die Produktion der Evolutionsstufen gestaltete sich wie folgt:
- Miura S (1968-1971): 140 produzierte Einheiten.
- Miura SV (1971-1973): Genau 150 produzierte Einheiten.
Der SV war nicht nur der ausgereifteste, sondern auch der begehrteste Miura. Eines der berühmtesten Exemplare (ein Miura Jota-Prototyp von Bob Wallace, der nach einem Unfall komplett zerstört wurde) führte sogar dazu, dass Lamborghini später einige SV-Modelle auf speziellen Kundenwunsch zu “SVJ”-Spezifikationen umbaute (mit aerodynamischen Verbesserungen, festen Scheinwerfern und noch mehr Leistung).
Als der letzte Miura 1973 vom Band lief (abgelöst durch den radikal keilförmigen Countach), hatte er seine Mission übererfüllt. Er hatte Lamborghini von einem respektierten Traktor- und GT-Hersteller in die unbestrittene Speerspitze des Supersportwagenbaus katapultiert. Der Miura S und insbesondere der SV perfektionierten das Konzept des Mittelmotor-Supersportwagens und hinterließen ein Vermächtnis, das jedes moderne Auto in diesem Segment bis heute definiert.