Lamborghini Veneno
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Lamborghini Veneno: Das straßenzugelassene Gift

Drei Kundenfahrzeuge. Drei Millionen Euro das Stück. Auf dem Genfer Auto-Salon 2013 – Lamborghinis 50. Geburtstag – enthüllte Stephan Winkelmann den Lamborghini Veneno: einen straßenzugelassenen V12 mit 750 PS, der aussieht, als hätte ein Le-Mans-Prototyp auf unerklärliche Weise Kennzeichen erhalten.

Benannt nach einem legendären und extrem aggressiven Kampfstier, der 1914 den berühmten Torero José Sánchez Rodríguez während eines Stierkampfes in der Arena von Sanlúcar de Barrameda tödlich verletzte, war der Name Programm. Der Veneno sah aus wie ein bösartiger Le-Mans-Rennprototyp, der sich irgendwie Kennzeichen erschlichen hatte. Er basierte technisch auf dem Aventador, trug dessen V12-Saugmotor in seiner bis dato stärksten Ausbaustufe und war das mit Abstand extremste, lauteste und teuerste Auto, das Lamborghini jemals für die Straße gebaut hatte.

Das Design: Ein Meisterwerk aus Carbon und Abtrieb

Das Design des Veneno, verantwortet von Filippo Perini, war ein absoluter Schock. Es war keine Weiterentwicklung der Lamborghini-Formensprache, sondern eine Eskalation. Jedes einzelne Element der Karosserie war ausschließlich der Aerodynamik und der Kühlung des mächtigen V12-Motors untergeordnet.

Die gesamte Außenhaut bestand vollständig aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff (CFC), was extrem teuer in der Herstellung ist. Die graue Metallic-Lackierung des Prototyps auf der Messe (genannt “Grigio Metallizzato”) wurde durch feine Linien in den Farben der italienischen Trikolore (Grün, Weiß, Rot) akzentuiert.

Das Fahrzeug war aerodynamisch so komplex, dass es beinahe unmöglich war, eine einzelne gerade Linie an der Karosserie zu finden:

  • Die Front: Anstelle einer geschlossenen Haube verfügte der Veneno über eine extrem tiefe Schnauze, die wie ein massiver Frontflügel funktionierte. Sie leitete die Luft über die Windschutzscheibe und durch gigantische Lufteinlässe zu den vorderen Kühlern und den Bremsen. Die schmalen Y-förmigen LED-Scheinwerfer waren tief in die zerklüftete Carbon-Struktur eingelassen.
  • Die Flanken: Die massiven Radhäuser (vorne und hinten) waren vom Hauptkörper des Fahrzeugs abgesetzt, um den Luftstrom zu optimieren und den Auftrieb zu minimieren (ein Konzept, das stark an LMP1-Rennwagen erinnerte). Die seitlichen Lufteinlässe, die den V12 beatmeten, waren gigantisch, während die Türen natürlich als ikonische Scherentüren nach oben aufschwangen.
  • Das Heck: Die Rückansicht des Veneno ist vielleicht das aggressivste Design in der Automobilgeschichte. Sie wurde von einer massiven, vom Dach bis zum Heckflügel reichenden “Haifischflosse” (Shark Fin) dominiert, die die Gierrate in schnellen Kurven stabilisierte. Der Heckflügel selbst war ein gigantisches, verstellbares Carbon-Bauteil. Der Heckdiffusor bestand nicht nur aus Leitblechen, sondern war ein integrierter Teil des Unterbodens, der die vier massiven Auspuffrohre (angeordnet in einem Hexagon) umschloss. Der gesamte hintere Bereich der Karosserie war praktisch offen (“nackt”), um die gewaltige Hitze des Motors optimal abzuführen.

Ein besonderes Detail waren die aerodynamischen Räder (20 Zoll vorne, 21 Zoll hinten): Die speziell entwickelten Felgen verfügten über Carbon-Ringe um den äußeren Rand (Aeroblades), die wie kleine Turbinen funktionierten. Sie saugten kühle Luft ein, um die massiven Carbon-Keramik-Bremsscheiben zu kühlen, und bliesen heiße Luft nach außen ab.

Das Herzstück: 750 PS aus dem frei atmenden L539-V12

Tief unter den massiven Lufteinlässen schlug das Herz des Aventador – allerdings in seiner bis dato stärksten und extremsten Evolutionsstufe.

Der legendäre 6,5-Liter-V12-Saugmotor (L539) wurde für den Veneno intensiv überarbeitet. Lamborghini optimierte das Ansaugsystem, die Abgasanlage und die Thermodynamik (das Motormanagement), wodurch der Motor eine noch freiere Atmung erhielt.

Das Resultat war eine Leistungssteigerung von 50 PS gegenüber dem damaligen Aventador LP 700-4. Der Veneno leistete ohrenbetäubende 750 PS (552 kW) bei kreischenden 8.400 U/min. Das gewaltige maximale Drehmoment blieb bei massiven 690 Nm bei 5.500 U/min. Die Kraftverteilung (Allradantrieb Haldex IV) leitete die Kraft an alle vier Räder weiter.

Gekoppelt war das Triebwerk an das extrem schnelle, automatisierte 7-Gang-ISR-Schaltgetriebe (Independent Shifting Rods). Im Corsa-Modus (dem aggressivsten der fünf möglichen Fahrmodi) schlug dieses Getriebe die Gänge in 50 Millisekunden mit einer derartigen Brutalität ein, dass ein spürbarer Ruck durch das gesamte Carbon-Chassis ging. Das war von Lamborghini absolut gewollt, da es dem Veneno das raue, ungeschliffene Fahrgefühl eines echten Rennwagens verlieh.

Der Sound des V12 brüllte durch die modifizierte, vierflutige Abgasanlage mit einer derartigen Heftigkeit, dass der Wagen selbst im Leerlauf bedrohlich klang und bei hohen Drehzahlen wie ein startender Kampfjet heulte.

Fahrwerk: Monocoque und Pushrod-Dämpfung

Das Chassis des Veneno entsprach in seinen Grundzügen dem des Aventador. Die Basis bildete ein extrem steifes und leichtes Carbon-Monocoque (aus Kohlefaser), an das vorne und hinten Hilfsrahmen aus Aluminium geschraubt waren.

Um das Fahrzeuggewicht noch weiter zu senken, nutzte Lamborghini beim Veneno intensiv seine patentierte Forged Composites-Technologie (geschmiedetes Carbon). Nicht nur aerodynamische Anbauteile, sondern auch die beiden rennsportartigen Leichtbau-Schalensitze im Cockpit wurden aus diesem extrem robusten Material gefertigt.

Durch den massiven Einsatz von Carbon an Karosserie und im Innenraum drückte Lamborghini das fahrfertige Leergewicht des massiven V12-Boliden auf lediglich 1.450 Kilogramm (Trockengewicht). Dies war ein sensationeller Wert – der Veneno war unglaubliche 125 Kilogramm leichter als ein regulärer Aventador.

Das Leistungsgewicht fiel dadurch auf fantastische 1,93 Kilogramm pro PS.

Das Fahrwerk des Veneno war identisch mit der aus dem Motorsport entlehnten Pushrod-Aufhängung des Aventador. Anstelle von vertikal angeordneten Stoßdämpfern lagen diese horizontal im Chassis und wurden über Druckstangen betätigt. Die Dämpfer und Federn wurden für den Veneno jedoch deutlich härter und rennsportmäßiger abgestimmt, um das Wanken der Karosserie bei hohen Kurvengeschwindigkeiten und dem enormen aerodynamischen Anpressdruck auf ein Minimum zu reduzieren.

Leistung: Hypercar-Fahrwerte

Die Kombination aus Leichtbau, 750 PS und dem massiven mechanischen Grip der extrem breiten Pirelli P Zero Corsa Reifen gipfelte in Fahrleistungen, die den Veneno fest in der absoluten Elite der Hypercar-Welt verankerten:

  • Beschleunigung 0-100 km/h: 2,8 Sekunden (in unabhängigen Messungen oft schneller).
  • Höchstgeschwindigkeit: über 355 km/h (221 mph).

Trotz dieser extremen Endgeschwindigkeit (bei der der massive Heckflügel enorme 400 Kilogramm Abtrieb generierte) war der Veneno für Lamborghini-Verhältnisse kein reines Dragster-Auto für den Boulevard. Durch die ausgefeilte Aerodynamik (die “Shark Fin”) und das präzisere, steifere Pushrod-Fahrwerk war er auch auf kurvigen Strecken und Rennkursen extrem performant und deutlich agiler als der schwere Aventador.

Das Interieur: Forged Composites und Carbon Skin

Das Cockpit des Veneno spiegelte den aggressiven Charakter des Exterieurs wider. Es gab kein luxuriöses Leder und keine Teppiche. Stattdessen war der gesamte Innenraum in extrem leichten, matten Materialien gehalten.

Das Armaturenbrett, der Mitteltunnel und Teile der Türen waren in einer von Lamborghini eigens entwickelten, extrem leichten Textil-Kohlefaser namens Carbon Skin (ein weiches, teppichartiges Carbon-Gewebe) ausgeschlagen. Die Leichtbau-Schalensitze aus Forged Composites wurden lediglich mit leuchtend rotem Alcantara überzogen, das sich im gesamten Cockpit (und auch an den Sitzen) farblich an die jeweiligen Akzente des Wagens anpasste.

Die klassische analoge Instrumententafel wich vollständig einem extrem reduzierten TFT-Farbdisplay, das stark an das Head-Up-Display eines Kampfflugzeugs erinnerte. Ein roter “Missile Switch” Klappdeckel auf dem Mitteltunnel barg den Startknopf für den V12-Motor.

Exklusivität: Die Drei von Genf

Der Lamborghini Veneno definierte den Begriff der “Ultra-Limited-Edition” völlig neu. Das Fahrzeug war so radikal und exklusiv, dass es niemals für einen breiten Markt gedacht war.

Lamborghini fertigte vom Veneno Coupé insgesamt lediglich vier Exemplare:

  • Das Fahrzeug “Nummer Null” (der graue Prototyp, der auf dem Genfer Autosalon gezeigt wurde, mit grünen, weißen und roten Akzenten). Dieses Exemplar (Car Zero) blieb im Besitz von Lamborghini und ist im Werksmuseum ausgestellt.
  • Drei Kundenfahrzeuge (Nummer 1, 2 und 3).

Diese drei Kundenfahrzeuge waren in speziellen Grau-Tönen lackiert und erhielten jeweils eine Akzentfarbe, die einem Streifen der italienischen Flagge entsprach (ein roter Veneno, ein grüner Veneno, ein weißer Veneno).

Der Basispreis für einen der drei Venenos lag bei astronomischen 3 Millionen Euro (ohne Steuern) – rund 3,57 Millionen US-Dollar. Trotz (oder gerade wegen) dieses absurden Preisschildes waren alle drei Fahrzeuge bereits komplett verkauft, lange bevor das Auto auf der Messe enthüllt wurde (zwei an Kunden in den USA, einer in den Nahen Osten).

Im folgenden Jahr (2014) produzierte Lamborghini aufgrund der überwältigenden Nachfrage extremer Sammler noch den offenen Veneno Roadster, dessen Auflage auf immerhin neun Exemplare limitiert wurde (Preis: 3,3 Millionen Euro ohne Steuern).

Vermächtnis: Der ultimative Poser-Provokateur

Der Lamborghini Veneno war kein Auto für den rationalen Verstand. Autojournalisten und Kritiker spotteten teilweise über das überladene, extrem aggressive Design, das sie für reine Effekthascherei auf Basis eines Aventadors hielten. (Das renommierte Edmunds Magazin nannte ihn “das schlechteste italienische Ding seit dem Faschismus” und listete ihn auf Platz 1 der hässlichsten Autos der Geschichte).

Doch für Lamborghini und die solventen Hypercar-Sammler der Welt war der Veneno ein absoluter Triumph. Er zeigte, dass das Unternehmen mutig genug war, alle Konventionen zu ignorieren und ein Fahrzeug zu bauen, das lauter, exzentrischer und teurer war als alles andere auf dem Markt. Er zementierte das hochprofitable Geschäftsmodell der “Few-Offs” (Kleinstserien wie der Centenario oder der Sián FKP 37 folgten bald darauf) und wird auf ewig das giftigste, extremste Symbol für den 50. Geburtstag der Marke mit dem Kampfstier bleiben.